Kinder mit Handicaps als Mobbing-Opfer

Vorarlberg / 03.12.2019 • 19:03 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die Persönliche Assistenz ist in Vorarlberg noch nicht so weit ausgebaut, wie Menschen mit Behinderung das gerne hätten.pav
Die Persönliche Assistenz ist in Vorarlberg noch nicht so weit ausgebaut, wie Menschen mit Behinderung das gerne hätten.pav

Noch immer Mangel an Bewusstsein für Inklusion.

bregenz Bis 2021 will Vorarlberg eine inklusive Region sein. Um dieses Vorhaben zu erreichen, bedarf es allerdings noch einiger Anstrengungen, besonders was die inklusive Schule betrifft. Gerhart Hofer, Direktor der Kathi-Lampert-Schule in Götzis und Mitglied des Monitoring-Ausschusses, bemängelt nicht nur das Fehlen einer klaren politischen Haltung zur inklusiven Bildung. Er ortet auch in der Gesellschaft immer noch eine tief verankerte Ablehnung. Das zeige auch der Umstand, dass Kinder mit Handicaps in den Schulen häufig gemobbt würden. Dennoch unterstütze der Monitoring-Ausschuss, der bekanntermaßen die Einhaltung der Rechte für Menschen mit Behinderung kontrolliert, die Landesregierung im Bemühen, keine neuen Sonderschulen mehr zu bauen, wie der Ausschuss-Obmann Landesvolksanwalt Florian Bachmayr-Heyda im VN-Gespräch betonte. Wichtig sei es, im Regelschulwesen einen guten Unterricht anzubieten. „Barrieren im Kopf lassen sich nur abbauen, wenn Kinder von Anfang an gemeinsam unterwegs sind“, sagte Bachmayr-Heyda.

Schimpfwörter mit Ansage

Dieses Bewusstsein fehlt laut Gerhard Hofer jedoch vielfach noch. „Es ist wertvoll, verschieden zu sein, aber diese Haltung muss erst eingeübt werden“, verweist er auf das Vorarlberger Schimpfwörterbuch, für das der Autor, Wolfgang Berchtold, jugendliche Schüler im Alter zwischen 14 und 19 Jahren über ihre Schimpfwörter befragt hat. Dabei ist eine Art Hitparade der Schimpfwörter entstanden, in der Behinderung laut Hofer einen irritierenden Schwerpunkt einnimmt. Er fragt sich, ob es Zufall ist, dass an erster Stelle der Spastiker steht, also ein Mensch mit motorischer Beeinträchtigung. Gerhart Hofer vermutet dahinter eine Abwehrhaltung. Eine solche Sprache, meint er, kann nur durch Kennenlernen und Begegnung mit diesen Menschen abgebaut werden. „Das Ziel hieße Inklusion.“ Dafür müssten sich jedoch alle verantwortlich fühlen.

Den gestrigen Tag der Menschen mit Behinderung nutzte der Monitoring-Ausschuss auch, um der neu für die Integration zuständigen Landesrätin Martina Rüscher einen Antrittsbesuch abzustatten. Mit im Gepäck hatten die Mitglieder einige Anliegen, die schon länger einer Erledigung harren. Eine Baustelle, die der Gleichbehandlung ebenfalls im Wege steht, ist die Persönliche Assistenz. Die gibt es zwar, aber nur auf Teilhabe sowie Arzt- und Krankenhausbesuche beschränkt. Im Alltag erforderliche Unterstützung muss aus dem Pflegegeld finanziert werden. Für die Mitglieder des Monitoring-Ausschusses ein unhaltbarer Zustand. Gleichzeitig fehlen valide Daten über den Bedarf an Persönlicher Assistenz.

System zu kompliziert

Derzeit brauchen Menschen mit Behinderung, wenn sie zusätzliche Hilfe für den Alltag benötigen, unter Umständen bis zu drei mobile Einrichtungen. „Das System ist viel zu kompliziert“, fordert Florian Bachmayr-Heyda, dass die Persönliche Assistenz als Gesamtes gesehen und anerkannt wird. Kritik setzt es auch für die relativ niedrigen Stundensätze. Sie liegen zwischen 12 und 20 Euro. Als Folge davon komme es zu häufigen Wechseln bei den Assistenten.

Die Barrierefreiheit im öffentlichen Raum sowie die barrierefreie Gesundheitsversorgung sind weitere Themen, die der Monitoring-Ausschuss positiv erledigt haben möchte. „Ich hoffe, wir können einige unserer Forderungen weiterentwickeln und in der inklusiven Region verankern“, so Bachmayr-Heyda. Die Ausschuss-Mitglieder möchten, dass alle inklusiv denken.

„Barrieren lassen sich abbauen, wenn Kinder von Anfang an gemeinsam unterwegs sind.“