Die Armut der alten Frauen

Vorarlberg / 04.12.2019 • 20:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Es ist noch Zeit für einen kurzen Hock: Die betagte Witwe Herta und ihr Sohn Helmut (l.) im Kreis von Joe Fritsche, Dieter Reimers (r.) und Russ-Preis-Trägerin Susanne Marosch vom Verein Geben für Leben. KUM

Die Hilfsorganisation Stunde des Herzens stellt seit sechs Jahren bedürftigen alten Menschen, die Mehrzahl davon sind Frauen, Lebensmittel zu.

Tschagguns, Vandans Friederikes Blick hellt sich schlagartig auf, als Joe Fritsche, der Gründer der Hilfsorganisation Stunde des Herzens, und sein Mitstreiter Dieter Reimers mit einem Korb voller Lebensmittel zur Tür hereinkommen. Die 96-Jährige isst gerade zu Mittag. Neben ihren Füßen hat es sich ihr kleiner Hund bequem gemacht. „Auf euch habe ich gewartet, weil ihr dem Flecki immer Leckerli mitbringt“, sagt sie und strahlt übers ganze Gesicht. Der Hund bedeutet ihr alles: Wenn der nicht bei mir im Bett ist, kann ich nicht schlafen.“ Vierbeiner haben in ihrem Leben eine große Rolle gespielt. „Ich hatte immer Hunde.“ Für sie empfand sie leidenschaftliche Zuneigung. Auch ihrer Arbeit war sie sehr zugetan. „Ich habe viel und gerne gearbeitet und bis zu 80 Leute verköstigt. Man hat mich oft gelobt für meine Gerichte.“ Die betagte Frau blickt gerne auf ihr Leben zurück. Das Wissen, dass sie immer ihr Bestes gegeben hat, macht sie zufrieden. Als Reimers Flecki ein Hundekeks anbietet und Fritsche ihr eine Winterjacke schenkt, ist sie gerührt. „Ihr schaut so schön auf mich“, sagt sie. Und: „Ihr seid die einzigen Menschen, die sich um mich kümmern.“ Die zwei Männer von Stunde des Herzens wissen, dass Friederike fast nie Besuch bekommt. Deshalb leisten sie ihr noch ein wenig Gesellschaft, bevor sie Resi (86), der nächsten bedürftigen Frau, die übliche Lebensmittelspende bringen.

Für einen Gotteslohn gearbeitet

Resi ist bettlägerig. Eine Pflegerin kümmert sich um ihr Wohl. Wie immer hat Reimers einen Sack voll alter Semmel mitgebracht. „Resi gibt die Semmel dem Bauern in der Nachbarschaft. Dafür bekommt sie von ihm Milch“, erklärt Reimers. Die bettlägerige Frau sieht gerade fern. Das Gerät hat sie von Stunde des Herzens geschenkt bekommen. Sie selbst hätte sich den Fernseher niemals leisten können. Resi muss knapp haushalten und jeden Monat schauen, wie sie sich durchbringt. Die vierfache Mutter lebt von Sozialhilfe. Eine eigene Pension bekommt sie nicht, obwohl sie immer viel gearbeitet hat. Aber sie arbeitete um Gotteslohn, zuhause und 23 Jahre in einem Kloster. „Ich bin immer zu gut gewesen. Gutheit ist Dummheit.“ Sie engagierte sich auch 35 Jahre ehrenamtlich für den Tierschutz.  „Mir hat man Tiere vor die Tür gestellt. Ich habe einen Platz für sie gesucht.“ Die Liebe zu Tieren ist ihr geblieben. Kater Felix teilt mit ihr das Leben. „Für ihn lebe ich noch“, sagt sie und ist dankbar, dass die beiden Männer auch Katzenfutter mitgebracht haben.

„Ohne Joe und Dieter wäre meine Mutter arm dran.“

Gabi, Tochter einer betagten Sozialhilfeempfängerin

Große Dankbarkeit wird ihnen auch im nächsten Haus entgegengebracht. Erika (77) und ihre Tochter Gabi (56) haben bereits auf die Männer gewartet. Der Mittwoch ist ein Freudentag für die beiden Frauen, weil dann endlich wieder Lebensmittel ins Haus kommen. Gabi weint sogar vor lauter Dankbarkeit über den Besuch. „Ohne Joe und Dieter wäre meine Mutter arm dran“, sagt sie mit tränenerstickter Stimme. Ihre Mama nickt und gesteht: „Sie haben mir schon in größter Not geholfen. Ich bin überzeugt, dass mir mein verstorbener Sohn diese Männer geschickt hat.“ Dass die geschiedene Frau heute bedürftig ist und in einem sanierungsbedürftigen Haus wohnt, erklärt sich aus der Vergangenheit. Zum einen lebte die dreifache Mutter für die Familie. Zum andern arbeitete sie mehrere Saisonen im Gastgewerbe. „Ich war die meiste Zeit nicht versichert.“ Deshalb bekommt sie keine Pension. Erika, die Diabetikerin ist und zu erblinden droht, lebt von der Sozialhilfe. Als Fritsche ihr erklärt, dass er die Kosten fürs Heizen und die Brille, die sie dringend benötigt, übernehmen wird, bricht auch sie vor lauter Dankbarkeit in Tränen aus. Jetzt kann sie dem Winter gelassen entgegensehen und muss im eigenen Heim nicht frieren.

Kein Bad und kein Warmwasser

Fritsches nächste „Kundschaft“ weiß, wie sich Kälte anfühlt. „Als wir Herta zum ersten Mal besuchten, glitzerte das Eis von der Schlafzimmerdecke. Nur in der Küche war es warm, dank einem uralten Holzherd“, verrät Fritsche. Herta (86) lebt seit 1952 im „Waldhüsli“, wie die zweifache Mutter das kleine Haus am Waldrand liebevoll nennt. Wie alles im Leben nahm die gläubige Frau, die von einer kleinen Witwenpension lebt, auch den bescheidenen Wohnstandard gottergeben an. „Wenn man nichts anderes kennt, ist man zufrieden.“ Und doch: Als ihr Stunde des Herzens zu einem Bad und Warmwasser verhalf, flossen auch bei ihr die Tränen, so tief war ihre Dankbarkeit. Selbst reich beschenkt, bedauert die betagte Frau, dass sie nie Christkind spielen konnte: „Ich hätte gerne heimlich Geschenke vor Haustüren gelegt. Aber das war mir nicht möglich, weil ich selbst nie etwas hatte.“

Joe Fritsche und Dieter Reimers bringen der betagten Witwe Herta regelmäßig Lebensmittel.
Joe Fritsche und Dieter Reimers bringen der betagten Witwe Herta regelmäßig Lebensmittel.
Friederike freut sich, dass Joe und Dieter ihrem Hund Leckerli mitgebracht haben.
Friederike freut sich, dass Joe und Dieter ihrem Hund Leckerli mitgebracht haben.
Herta winkt den Besuchern, die ihr Lebensmittel gebracht haben, noch lange nach.
Herta winkt den Besuchern, die ihr Lebensmittel gebracht haben, noch lange nach.