Bergbauer Royer: „Klimasünderin nicht in der Landwirtschaft“

Vorarlberg / 08.12.2019 • 14:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit

Bergbauer Hannes Royer spricht im VN-Interview über den Klimawandel und die Kuh.

Geraldine Reiner

Schwarzach Hannes Royer ist Bergbauer in der Steiermark. Mit der Plattform „Land schafft leben“ möchte er den Konsumenten zeigen, wie in Österreich Lebensmittel produziert werden. Im Jänner hält der 43-Jährige seinen ersten Klimavortrag.

Hannes Royer ist auch regelmäßig in Vorarlberg unterwegs.

Das Insektensterben ist offenbar dramatischer als vermutet. Als Hauptgrund wird die intensive Landwirtschaft genannt. Wie geht es Ihnen als Bauer damit?

Das ist natürlich eine spannende Erkenntnis, weil eigentlich immer mehr Dinge darauf hinweisen, dass man wieder mehr hin muss zu natürlichen Kreisläufen, zu an den Standort angepasster Landwirtschaft. In Ostösterreich gibt es gerade massive Versuche, die Artenvielfalt durch Blühstreifen am Rand von Äckern wieder zu beleben. Aber auch in der Grünlandwirtschaft sind wir massiv gefordert, viele Dinge zu hinterfragen.

Solche Umstellungen brauchen Zeit. Gleichzeitig schreitet das Insektensterben ungebremst voran.

Solche Umstellungen brauchen natürlich Zeit, aber ich denke, es ist auch ganz wichtig, dass der Konsument in Zukunft Signale sendet. Ich denke da zum Beispiel ans Fleisch. Beim Schweinefleisch haben wir die Situation, dass wir zu rund 48 Prozent gentechnisch verändertes Futtermittel aus Übersee importieren. Gleichzeitig haben wir versucht, Programme zu entwickeln, in denen die Schweine gentechnikfrei gefüttert werden. Diese Futtermittel kosten ein paar Cent mehr, aber der Konsument nimmt es überhaupt nicht an. Da verzweifelt die Landwirtschaft natürlich schon, wenn nicht einmal zarte Versuche funktionieren.

Diese Veränderungen haben aber auch unmittelbare Auswirkungen auf die Landwirtschaft.

Ich glaube, die Landwirtschaft selber hat ein massives Interesse an Artenvielfalt, aber es gibt immer das Prinzip Ursache-Wirkung. Die Ursache ist sicher, dass die Märkte offen sind, dass die Landwirtschaft in Österreich heute konkurrenzfähig produzieren muss. In Deutschland ist das maßlos übertrieben worden, dort ist der Bauer schon Abschaum der Gesellschaft. Diesen Imageverlust gibt es in Österreich überhaupt nicht. Trotzdem müssen wir jetzt den nächsten Schritt gehen. Am Ende des Tages muss es aber der Konsument verstehen. Der Bauer kann nicht sagen, okay, ich klinke mich aus den globalen Märkten aus, ich produziere jetzt total naturnah, und der Konsument sagt, das ist total nett, aber ich kaufe halt das Fleisch oder die Milch von irgendwoher.

Könnte da eine Initiative auf nationaler Ebene helfen?

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was beim Konsumenten fruchtet, weil am Ende des Tages brauchen wir das Bewusstsein. Bei „Land schafft Leben“ haben wir uns mit dem Klima sehr intensiv beschäftigt. Am Anfang habe ich mir auch schwer getan mit Greta. Durch die intensive Recherche, auch mit der Wissenschaft, sind wir aber draufgekommen, dass die junge Dame schon recht hat.

Klimasünder Nummer eins ist für viele die Kuh.

Jeder gibt den Klimaball gerne einfach weiter und am Schluss bleibt die Landwirtschaft übrig. In Wahrheit ist die Klimasünderin aber nicht in der Landwirtschaft zu finden. Warum? Wir stoßen in Österreich aktuell 82 Millionen Tonnen CO2 aus, davon hat die Landwirtschaft einen Anteil von 8,2 Prozent. Die eine Hälfte macht der Traktor aus und von der restlichen Hälfte ungefähr 50 Prozent der Wiederkäuer. Wir haben uns jetzt angeschaut, wie das eigentlich funktioniert.

Mit welchem Ergebnis?

Die Landwirtschaft ist der einzige Sektor, der CO2 binden kann. Jede Pflanze auf dieser Erde kann nur durch CO2 wachsen und stößt bei der Photosynthese Sauerstoff aus. Die Kuh frisst dieses Gras und wenn sie es verdaut, wird Methan freigesetzt. Dieses Methan ist 27 Mal so schädlich für das Klima wie CO2. Nach rund zehn Jahren in der Atmosphäre wird es wieder umgewandelt in CO2 und dann wieder gebunden. Die Natur selber ist also im Kreislauf. Das Problem haben wir, weil wir die fossilen Energiequellen viel zu schnell nutzen.

Was wäre, wenn sich alle nur noch vegan ernähren würden?

Wenn wir das Getreide nur noch selber essen würden, dann hätten wir ein Riesenproblem in der Düngemittelversorgung, weil: Über 50 Prozent des Düngers im Getreidesektor kommen von Tieren. Den müsste man künstlich produzieren. Dadurch hätten wir eine massive Lachgasproduktion und Lachgas ist 300 Mal so klimaschädlich wie CO2. Das wäre eine vollkommende Katastrophe, ganz abgesehen davon, dass nur ein bestimmter Anteil des Weizens Qualitätsweizen ist, der Rest ist Futterweizen. Das ist nicht deshalb so, weil sich der Bauer denkt, ich mache jetzt nur Futterweizen, sondern wenn er das Feld bestellt, weiß er nicht, welche Qualität er erntet. Man muss also schon tiefer reinschauen.