Glaubst du, dass es mich gibt?

Vorarlberg / 10.12.2019 • 20:50 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

„Glaubst du, dass es mich gibt?“, fragte die Freundin.

„Aber ja, greif dich doch an, dich gibt es, du stehst vor mir“, sagte ich.

„Du weißt, wie ich es meine.“

„Ich weiß, du meinst es im übertragenen Sinn.“

„Ja, im übertragenen Sinn.“

„Du hast eben einen schlechten Tag, da fühlt man sich so“, sage ich.

„Ich habe nur schlechte Tage“, sagte sie. „Und besonders vor Weihnachten. Dieser Stress macht mich fertig. Jeder will etwas von mir.“

„Hör zu“, sagte ich, „du bist es, die sich den Stress macht. Setz dich auf das Sofa und schau deiner Familie zu! Einfach nur zuschauen! Wie sie herumliegen und nichts tun. Wenn dann eines der Kinder sagt, gibt es nichts zu essen, sagst du, mach dir etwas, ich kann heute nicht. Esst das Brot, die Kekse, was halt da ist. Wenn sie dir entgegnen, es sei doch für Weihnachten, sagst du, für mich gibt es heuer keine Weihnachten. Dann sagst du: Wenn ich mir etwas wünschen könnte, wollte ich nur schlafen. Und ja, ich hab euch allen Geschenke gekauft, den Christbaum soll der Papa holen, ich fühle mich nicht mehr zuständig. Das sagst du ihnen.“

Wir verabschiedeten uns. Bald darauf rief mich die Freundin an und sagte, sie sei dort, wo die Sonne scheine.

„Wo?“, fragte ich.

Ich sah ihren Mann auf der Straße, wie er einen Christbaum in den Kofferraum schob. Der Baum war so groß, dass er nicht hinein passte. Der Mann fluchte. Ich traf ihre Kinder beim Einkaufen, das Mädchen stand beim Fleisch, der Bub bei der Wurst, Katzenfutter lag in ihrem Einkaufswagen, Salat, Käse Eis, Pizza und Bananen.

Das Mädchen drehte sich zu mir um und fragte, welches Teil man für einen Braten nehme.

„Wer kocht denn bei euch?“, fragte ich.

„Wir und der Papa, die Mama ist weg.“

„Wie, weg?“

Sie habe einen Zettel da gelassen, darauf stehe, sie fahre dorthin, wo die Sonne scheint.

„Die kommt sicher bald“, sagte ich. „Ich kenne sie, die hält es ohne euch nicht aus.“

Dass ich keine Ahnung habe, sagte das Mädchen.

„Soll ich abgepackte Wurst kaufen oder frische?“, fragte der Bub.

Ihr Vater stand vor dem Weinregal.

Ein Tag vor dem Heiligen Abend hörte ich von meiner Freundin.

„Stell die vor“, sagte sie am Telefon, „die machen alles allein, den Baum, das Essen, sie haben die Wohnung geputzt und Nelli hat schon den Christbaum geschmückt. Ist das nicht traurig? Die brauchen mich gar nicht. Sie tun auch so, als wäre ich nicht da. Sie sagen, setz dich auf das Sofa und schau zu, wie wir arbeiten. Mein Mann hat einen Freund eingeladen, er ist frisch geschieden und hat Angst, allein zu sein. Er hat Angst, dass er sich sinnlos betrinken wird. Ist das nicht traurig?“

„Drück jeden deiner Leute an dein warmes Herz“, sagte ich. „Ob sie es wollen oder nicht. Das nützt.“

„Und was soll ich sagen?“

„Sag: Frohe Weihnachten.“

„Sonst nichts?“

„Vielleicht noch: Mahlzeit! Vielleicht noch: Prost!“

„Ich sah ihren Mann auf der Straße, wie er einen Christbaum in den Kofferraum schob.“

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.