Vorarlberger verdienen am meisten – oder?

Vorarlberg / 11.12.2019 • 09:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
APA

Gesamtwirtschaftliche Rechnung sieht Vorarlberger ganz vorne, EU-Silc-Statistik hingegen eher hinten.

Schwarzach Das hört man hierzulande gerne: Vorarlberger verfügen im Jahr 2018 pro Kopf über ein Einkommen von 25.600 Euro im Jahr. Damit liegt Vorarlberg österreichweit erneut an der Spitze. Der Wert stieg im Vergleich zum Vorjahr um drei Prozent und errechnet sich aus dem Bruttoregionalprodukt, also dem Wirtschaftswachstum. Die Wirtschaft ist besonders in Bundesländern mit hohem Industrieanteil gewachsen, erklärte Statistik-Austria-Chef Konrad Pesendorfer am Dienstag bei der Präsentation der Zahlen. Das stärkste reale Wirtschaftswachstum gab es in Kärnten mit einem Plus von 3,8 Prozent, Vorarlberg ist 2018 um 1,5 Prozent gewachsen. Der Wirtschaftsbericht des Landes ging noch von einem Wachstum von 3,2 Prozent aus. Denn das mit Statistik ist so eine Sache.

Hohe Wohnkosten

Die Wirtschaftskammer jubelt: „Ein hohes Pro-Kopf-Einkommen ist das Ergebnis einer erfolgreichen Wirtschaft“, freut sich Kammerdirektor Christoph Jenny. „Je mehr mutige Menschen ihre Ideen verwirklichen, desto mehr Arbeitsplätze werden geschaffen und somit Einkommen und Wohlstand generiert.“ Anders beurteilt Arbeiterkammerdirektor Rainer Keckeis die Zahlen: „Nach wie vor liegt Vorarlberg hinsichtlich der Leistung pro Arbeitnehmer und Produktivität an der Spitze, was sich aber viel zu wenig in den Einkommen der Arbeitnehmer niederschlägt.“ Einkommen sind das eine, Kosten das andere. Beim Wohnen zählt Vorarlberg zu den Spitzenreitern.

Die 32-jährige Bregenzerin Carmen Platonina lebt zum Beispiel in einer Dreizimmerwohnung. 40 Prozent ihres Einkommens gehen monatlich für die Miete drauf, wie sie den VN erklärt. Sie mag ihre Wohnung aber. „Ich fahre lieber weniger in den Urlaub.“ Österreichweit geben Mieterhaushalte im Durchschnitt etwa ein Viertel ihres verfügbaren Einkommens aus, wie Wohnbauexperte Wolfgang Amann kürzlich in den VN vorrechnete. Auch Keckeis betont: “ Hierzulande wird zwar hart gearbeitet und geringfügig besser bezahlt, aber die Leistung unserer Arbeitnehmer wird bei Weitem nicht fair abgegolten. Das ist bedenklich, weil unser Land bei den Lebenshaltungskosten zu den teuersten zählt.“

Statistische Werte

Der vorhandene Wert wird pro Einwohner gerechnet, was bedeutet: Einem Vierpersonenhaushalt stünden theoretisch 100.000 Euro pro Jahr zur Verfügung. Davon können die meisten Haushalte freilich nur träumen. Andere Erhebungen zeigen ein anderes Ergebnis. Der Einkommensbericht des Rechnungshofs, der sich aus den Lohnsteuer-Daten ergibt, zeigt: Unselbstständig erwerbstätige Männer verdienen 38.982 Euro brutto pro Jahr, Frauen hingegen nur 20.069 Euro. Die Männer liegen österreichweit an der Spitze, die Frauen verdienen am zweitwenigsten.

Eine andere Statistik ist die EU-Silc-Statistik. Sie zeigt: In Vorarlberg nimmt ein Haushalt demnach durchschnittlich 46.006 Euro netto pro Jahr ein. Umgerechnet auf fiktive Einzelpersonen sind es 26.012 Euro. Nur in der Steiermark und im Tirol ist es weniger. Zudem werden laut EU-Silc 18 Prozent der Vorarlberger als armutsgefährdet eingestuft, nur in Wien (22,7 Prozent) sind es mehr.

Was also tun? Damit der Wohlstand steigt, sei wichtig, Vorarlberg unternehmensfreundlicher zu gestalten, ist Christoph Jenny von der Wirtschaftskammer überzeugt: „Arbeitsplätze und Wohlstand sind untrennbar mit unseren Unternehmern und deren fleißigen Mitarbeitern verbunden. Zusammenarbeit und eine aktive Standortpolitik zahlen sich aus.“ Rainer Keckeis warnt: „Bereits jetzt ist es für Facharbeiter aus anderen Bundesländern völlig uninteressant nach Vorarlberg zu wechseln, weil die Relation zwischen Einkommen und Lebenshaltungskosten in einer Schieflage ist.“ VN-MIP, VN-TW

Großer Unterschied zwischen niedrigen und hohen Einkommen

Götzis Laut volkswirtschaftlicher Gesamtrechnung verfügt ein Vorarlberger durchschnittlich über 25.600 Euro, was österreichweiter Spitzenwert bedeutet. Laut EU-Silc beträgt das durchschnittliche äquivalisierte Haushaltseinkommen netto 26.012 Euro. Diese Rechenmethode beschreibt ein fiktives Einkommen, das umgerechnet jedem Mitglied eines Haushalts, wenn es erwachsen wäre und alleine leben würde, zur Verfügung stünde. Nun ist der zweite Wert 412 Euro höher, im Vergleich steht Vorarlberg allerdings schlechter da. Während es bei der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung an der Spitze liegt, rangieren Vorarlberger in der EU-Silc-Statistik auf dem drittletzten Platz.

Und das, obwohl Vorarlberg bei hohen Einkommen an der Spitze liegt. Bei niedrigen ist es hingegen Schlusslicht. „Nirgendwo ist die Spreizung so groß wie hier“, bestätigt Dowas-Chef Michael Diettrich. Und das errechnet sich so: Die zehn Prozent, die am wenigsten verdienen, erhalten 10.573 Euro pro Jahr, oder weniger. Die besten zehn Prozent liegen hingegen über 43.012 Euro. Der unterste Wert ist der niedrigste in ganz Österreich, der obere Wert der zweithöchste, nur in Wien verdienen die oberen zehn Prozent mehr pro Jahr. Diettrich fährt fort: „Aussagekräftiger als das Durchschnittseinkommen ist der Medianwert, also das mittlere Einkommen.“ EU-Silc zeigt: Die Hälfte der Vorarlberger verdient weniger als 23.593 Euro pro Jahr. Nur Tiroler und Wiener haben weniger Nettoeinkommen pro Jahr zur Verfügung.

Auch Vorarlbergs Wirtschaftslandesrat Marco Tittler (ÖVP) weiß: „Komplexe Berechnungen lassen sich nicht auf einzelne Zahlen reduzieren, dennoch zeigt die Zeitreihe im Vergleich mit anderen Bundesländern einen Trend.“ Insgesamt sei deshalb das Ergebnis der Statistik-Austria-Zahlen positiv: „Sehr erfreulich ist, dass alle Bundesländer das dritte Jahr in Folge ein positives Wirtschaftswachstum sowie Beschäftigungs- und Einkommenszuwächse verzeichnen können. Besonders erfreulich ist, dass Vorarlberg die höchsten Pro-Kopf-Einkommen ausweist.“