„Umkehren war keine Option“

Vorarlberg / 12.12.2019 • 21:31 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Nach zwei Monaten auf hoher See erlangte Sarah Siemers (l.) auch nautische Kenntnisse. Mittlerweile ist die Gruppe auf Martinique angekommen.  STC
Nach zwei Monaten auf hoher See erlangte Sarah Siemers (l.) auch nautische Kenntnisse. Mittlerweile ist die Gruppe auf Martinique angekommen.  STC

Sarah Siemers und ihr Team mussten nach Chiles Absage der Klimakonferenz flexibel sein.

Martinique, Schwarzach Die 25. UN-Klimakonferenz geht heute nach elf Tagen in der spanischen Hauptstadt Madrid zu Ende. Geplant war das alles ganz anders, denn die Konferenz hätte eigentlich in Chile über die Bühne gehen sollen. Geplant war auch, dass Sarah Siemers an der Konferenz teilnimmt. Stattdessen sitzt die gebürtige Feldkircherin dieser Tage auf der karibischen Insel Martinique und verfolgt den Abschluss der COP („Conference of Parties“) quasi vom anderen Ende des atlantischen Ozeans aus. Was war passiert?

Segeln wie Greta

Am 2. Oktober startete sie gemeinsam mit 35 anderen jungen Europäern von Amsterdam aus, um mit dem Dreimast-Segelschoner „Regina Maris“ über den atlantischen Ozean zu segeln (die VN berichteten). Das Ziel: Die COP im chilenischen Santiago, die von 2. bis 13. Dezember anberaumt war. Die Klimaaktivisten wollten mit dem „Sail to the COP“-Projekt für ein „gerechtes und nachhaltiges Transportwesen“ werben. Ende Oktober dann die Schocknachricht: „Wir waren gerade bei Teneriffa, als wir über das Satellitentelefon erfahren haben, dass die Klima-Konferenz in Chile abgesagt wurde“, schildert Sarah Siemers die Vorkommnisse im VN-Gespräch. Wegen Massenprotesten und gewalttätigen Ausschreitungen konnte Staatschef Sebastián Piñera die Ausrichtung der Weltklimakonferenz in dem krisengerüttelten Land nicht mehr gewährleisten. „Umkehren war keine Option, weil es gegen die Strömung und gegen den Wind zu lange gedauert hätte, um wieder nach Europa zu gelangen. Außerdem hatten viele unserer Gruppe den Aufenthalt mit anderen Klima-Projekten in Südamerika verbunden“, erklärt Siemers. Zunächst war unklar, ob die Konferenz, die die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens vorantreiben soll, stattdessen im UN-Standort Bonn stattfinden würde. „Als dann klar war, dass Madrid einspringt, haben wir sofort einen Aufruf gestartet“, sagt Siemers. Innerhalb kürzester Zeit rekrutierte die Gruppe von hoher See aus 22 andere junge Europäer, die sie in Madrid vertreten und ihre Botschaft vermitteln sollten. „Wir initiierten von See aus spontan das Projekt „Rail to the COP“, bei dem wir alle Teilnehmer aufriefen, mit dem Zug zur Konferenz zu reisen“, erklärt die abenteuerlustige Vorarlbergerin. „Auch wenn wir insgesamt nicht sonderlich zufrieden mit den Resultaten der Konferenz sind, und es letztlich alles anders als geplant gekommen ist, sind wir stolz, dass wir den Segeltörn durchgezogen haben.“ In den sieben Wochen auf hoher See entstand trotz der widrigen Umstände eine Denkfabrik, um Pläne, Forderungen und Lösungsvorschläge zu formulieren und Strategien zur klimafreundlichen Zukunft des Tourismus und des Reisens zu erarbeiten.

Seekranke Crew

Dabei waren gerade die ersten Wochen für die gesamte Frau- und Mannschaft auf hoher See alles andere als bequem: „Viele von uns sind in den ersten Wochen häufig über der Reling gehangen“, erinnert sich die 29-Jährige. Mittlerweile ist die Gruppe auf Martinique angekommen.

Zurück mit dem Frachtschiff

Sarah Siemers wird die kommenden Wochen per Bus durch den Amazonas bis nach Brasilien reisen. Von dort nimmt sie Ende Februar ein Frachtschiff zurück nach Spanien. Kommende Woche will die „Sail to the COP“-Crew einen 80-seitigen Bericht fertigstellen, bei dem die Ergebnisse des Projekts, Maßnahmen und Ziele zusammengefasst werden. „Es war auf jeden Fall eine unglaublich tolle Erfahrung. Auch wenn die Reise einen ungeahnten Verlauf genommen hat, haben wir das Projekt nicht aufgegeben und einiges umgesetzt.“