Experte zur Mautbefreiung: „Sinnhaftigkeit ist zu hinterfragen“

Vorarlberg / 13.12.2019 • 07:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Auf der Autobahn zwischen Hörbranz und Hohenems soll der Autoverkehr bald zunehmen. VN/STEURER

Experte von der TU Wien hält nicht viel von der Mautfreiheit.

Schwarzach Politik sei das Bohren harter Bretter, beschrieb einst der Soziologe Max Weber. Der Weg von der Idee zum Beschluss ist meistens steinig, mühsam und lange. Aber manchmal geht’s flott, speziell vor Wahlen. Ein Beispiel: die Vignettenbefreiung. Ausgehend von einem Wahlkampfversprechen von ÖVP-Chef Sebastian Kurz in Tirol folgten Forderungen aus vielen Bundesländern, was schließlich in fünf mautfreie Autobahnabschnitte mündete. Auch in Vorarlberg. Die Bodenseeregion freut sich: weniger Verkehr! In Lustenau, Hohenems, am Kummenberg und in der Schweiz ist der Ärger groß: mehr Verkehr! Ob die Befürchtungen und Wünsche eintreffen, ist ungewiss. Günter Emberger leitet den Forschungsbereich für Verkehrsplanung an der TU Wien. Er ist aber überzeugt: „Die Sinnhaftigkeit dieser Maßnahme ist zu hinterfragen.“

Umsteigeeffekt

Ab Sonntag ist der Abschnitt zwischen Hörbranz und Hohenems gratis befahrbar. Das Problem: „Wenn man den Verkehr eigentlich zurückdrängen möchte, darf man ihn nicht verbilligen“, betont Emberger. Diese kurzfristige Maßnahme verlagere das Problem nur. Außerdem fallen Einnahmen weg und Autofahren werde attraktiver. „Wir wissen, wenn Widerstände im Straßenverkehr zurückgebaut werden, steigen Leute auf das Auto um“, fährt Emberger fort.

Der Streckenabschnitt in Vorarlberg zählt vor allem deshalb ab Sonntag zu den mautbefreiten Straßen, weil sich Landeshauptmann Markus Wallner (ÖVP) dafür eingesetzt hat. Wird aber Bregenz dadurch wirklich entlastet? Da hilft ein Blick in die Vergangenheit: Zwischen 2008 und 2013 galt die Korridorvignette auf der betreffenden Strecke. Jörg Zimmermann, Verkehrsplaner des Landes, erinnert sich: „Die Entlastung für Bregenz war zwar da, aber nicht sehr hoch. Eine Verlagerung war kaum festzustellen.“ Der Anteil der Vignettenflüchtlinge in Bregenz hat laut Untersuchung um 5,4 Prozent (730 Autos) an Werktagen und 10,3 Prozent an Samstagen im Sommerreiseverkehr (1472 Autos) abgenommen. In Hohenems hat der Verkehr um 437 Autos an Werktagen und 923 Autos pro Tag an Wochenenden zugenommen. „Ich würde mich aber nicht trauen, die Erkenntnisse von damals eins zu eins auf heute umzulegen.“

Wie sich die Aktion auswirkt, soll eine Untersuchung feststellen. Der Gesetzestext sieht vor, dass Bund und Länder die Maßnahme gemeinsam evaluieren. „Wir haben beim Ministerium nachgefragt, wie dies geschehen soll“, erzählt Verkehrsplaner Zimmermann. „Bisher wissen wir es noch nicht.“ Günter Emberger von der TU Wien führt noch einen weiteren Effekt an: „Was oft vergessen wird, ist der Umstand, dass sich nicht nur der Verkehr von einer Straße auf die andere verlagert, auch die Ziele ändern sich.“ Das heißt: Wer früher von Hohenems lieber nach Feldkirch gefahren ist, um einkaufen zu gehen, könnte sich nun eher für eine Shoppingtour in Dornbirn oder Bregenz entscheiden.

Gästeabwanderung?

Ein Umstand, den auch der Tourismus befürchtet. Manuel Bitschnau, Geschäftsführer von Montafon Tourismus, hält fest: „Zu einer massiven Gästeabwanderung wird es sicher nicht kommen. Aber es kann schon Einfluss haben, vor allem beim Tagestourismus.“ Profitieren könnte der Bregenzerwald. „Die Auswirkungen sind schwer abzuschätzen. Bei den Tagesgästen könnte eine leichten Zunahme geben“, sagt Herlinde Moosbrugger, Geschäftsführerin von Bregenzerwald Tourismus. Im Montafon kennt man das Vignettenproblem. „Schon jetzt geben einige Gastgeber als Zuckerl die Vignette dazu“, erzählt Bitschnau.