Warum Pfarrer Helmut Rohner Berufsstand infrage stellt

Vorarlberg / 14.12.2019 • 13:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Helmut Rohner kümmerte sich in Brasilien auch um die Menschen am Rande der Gesellschaft.

Vor 60 Jahren wurde Helmut Theodor Rohner (85) zum Priester geweiht. Heute sagt der Geistliche: „Es braucht keine Priester“.

Dornbirn Eigentlich wollte Maria, Rohners Mutter, ins Kloster gehen. „Aber mein Großvater bestand darauf, dass sie, wie die meisten Mädchen, heiratet.“ Als Maria Mutter wurde und sechs Kindern das Leben schenkte, betete die tiefgläubige Frau darum, dass eines der Kinder den geistlichen Weg einschlägt. Ihr Gebet wurde erhört. „Ich wollte schon als Kind Priester werden. Ich glaube, ich bin mit diesem Gedanken schon auf die Welt gekommen“, mutmaßt ihr Sohn Helmut, der auf einem kleinen Bergbauernhof am Bürgle aufwuchs und an Weihnachten sein 60-jähriges Priesterjubiläum feiert.

Das Foto zeigt Helmut Rohner als Priesteranwärter in Rom.

Es ist einem Schlüsselerlebnis in der Kindheit zuzuschreiben, dass der Priester sich der Mission widmete. „Ich blätterte als Bub in einer Missionszeitschrift. Als ich die armen Menschen aus Afrika sah, hatte ich sofort Erbarmen mit ihnen.“ Der Herr habe ihn dann tatsächlich in die Weite hinausgeführt, sagt er und beginnt von seinen Auslandsaufenthalten zu erzählen. Zuerst wurde Rohner nach Rom geführt. Dort ließ sich der Dornbirner zum Priester ausbilden. Die italienische Hauptstadt wurde für sieben Jahre seine Heimat. Danach ging der Geistliche nach Paris, um weiter zu studieren. Ein Jahr später schickte ihn Rom nach Finnland. „Ich wusste bloß, dass es dort kalt ist und Finnisch eine schwer erlernbare Sprache ist. Aber gegen die Kälte kann man sich schützen und die Sprache kann man lernen.“

In der Nähe von Helsinki baute Rohner zusammen mit einem anderen Geistlichen ein ökumenisches Zentrum auf. Der Dialog und die Zusammenarbeit der verschiedenen Konfessionen standen im Vordergrund. Der Priester aus dem Ländle fühlte sich in seiner neuen Heimat wohl. „Es gefiel mir dort. Die Finnen sind sehr treu. Eigenartig fand ich, dass sie zu jedem Essen kalte Milch trinken.“ Der zehnjährige Finnland-Aufenthalt öffnete seinen Blick für die Weite und Vielfalt der Religionen.

„Die Kirche muss den Armen, Schwachen und den an den Rand Gedrängten helfen.“

Helmut Rohner, pensionierter Pfarrer

Sein Interesse für Entwicklungshilfe und die Befreiungstheologie führten ihn dann aber schließlich nach Brasilien. „Ich merkte, dass die Erneuerung der Kirche aus Südamerika kam.“ Rohner störte es, „dass die Kirche in Europa auf der Seite der Reichen stand. In Südamerika war sie aufseiten der Armen.“ Der Geistliche war immer schon der Meinung, „dass die Kirche den Armen, Schwachen und an den Rand Gedrängten helfen muss“.  

Helmut Rohner wurde vor 60 Jahren im byzantinisch-slawischen Ritus zum katholischen Priester geweiht.

Die 15 Jahre, die er in Brasilien verbrachte, bezeichnet Rohner als „die schönsten Jahre meines Lebens“. Dort arbeitete er mit dem einfachen Volk. „Es gab zu wenig Priester. Ich habe Basisgemeinden aufgebaut und ein Gebiet betreut, das so groß war wie der Bregenzerwald. Dort habe ich alles gemacht, was ein Priester tut: Gottesdienste gehalten, Beichten abgenommen, Hochzeit und Erstkommunion gefeiert, Beerdigungen durchgeführt.“ Darüber hinaus kämpfte „Padre Theodoro“ – so wurde Rohner in Brasilien genannt – um mehr Akzeptanz für die Sex-Arbeiterinnen. „Ich versuchte den Graben zwischen den Prostituierten und der übrigen Gesellschaft durch Aufklärungsarbeit zu überbrücken.“

Nirgendwo mehr war der Priester mit dem prallen Leben konfrontiert als in Brasilien. „Das hat mich zu einem modernen Pfarrer gemacht, ohne dass ich es wollte.“ Modern heißt für Rohner: kein Zwang zum Zölibat, Frauen zu Priesterinnen weihen, Geschiedene wiederverheiraten, Homosexuelle und andere an den Rand Gedrängte in die Mitte holen. 1987 kehrte er ins Ländle zurück mit dem Wunsch, sein Wissen aus Südamerika hierzulande fruchtbar und die Kirche demokratischer zu machen. Aber dass durch seine Initiative Basisgruppen entstanden, die die Kirche von unten nach oben erneuern wollten, fand bei den Kirchenoberen wenig Anklang. „Man schickte mich in die Pension.“

Der 85-jährige Pfarrer schreibt fleißig Leserbriefe am Computer.

Seit er Rentner ist, schreibt er regelmäßig Leserbriefe zu seinem Herzensthema: Erneuerung der Kirche. „Meiner Meinung nach sollten Laien und Kleriker das gleiche Stimmrecht haben. Jetzt haben es nur die Bischöfe.“ Rohner bedauert außerdem, „dass keine einzige Forderung des Kirchenvolksbegehrens erfüllt wurde und demokratisches Denken in der Kirche keinen Eingang gefunden hat“.

Wenn ihn nicht gerade die gegenwärtige oder zukünftige Kirche beschäftigt, verliert er sich in Erinnerungen. Denn das Leben, das hinter ihm liegt, war reich. Rohner hat es nie bereut, dass er Priester geworden ist. Aber käme er noch einmal auf die Welt, würde er einen anderen Beruf erlernen. Denn: „Es braucht keine Priester. Jeder Mensch hat einen direkten Draht zum lieben Gott.“