„Das bin ich: ein bissl verrückt“

Vorarlberg / 17.12.2019 • 19:17 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Edith Kaufmann im Outit der „Lady Black“, die sie in einem Film darstellt. HRJ
Edith Kaufmann im Outit der „Lady Black“, die sie in einem Film darstellt. HRJ

Edith Georgine Kaufmann lebt lustvollst ihre Kreativität aus.

LOCHAU „Das Leben ist so spannend. Dauernd kommt etwas Neues. Bis zum letzten Atemzug.“ Während sie diese Worte sagt, steht sie am Herd und mischt Garnelen in ein Vollkornnudelgericht. Kochen ist eine ihrer Leidenschaften. Das hat etwas Meditatives, sagt sie. Edith Georgine Kaufmann – „Edith genügt“ – hat in ihre Mansardenwohnung im alten Zollhaus in Hörbranz eingeladen. Jeder Raum ist kunstvoll eingerichtet. Die Wände sind mit Bildern der isländischen Malerin Ella Magnúsdóttir Rudari dekoriert. Die dunkel lackierten Holzmöbel hat Edith großteils selber restauriert.

Das Nudelgericht steht jetzt auf dem Tisch. Edith schenkt Weißwein ein. Regen prasselt auf die schrägen Dachfenster. „Mein bisheriges Leben lief immer auf zwei Schienen“, beginnt die 60-Jährige zu erzählen. „Ich habe einen Brotjob – als Angestellte – und lebe daneben lustvollst meine Kreativität aus. Auf diese Weise bediene ich sowohl mein Ego als auch mein Herz.“

Um dieses Künstlerdasein ausleben zu können, habe der Brotjob immer eiserne Disziplin von ihr gefordert, räumt sie ein. Dabei war Kunst wahrlich kein Thema, als sie am 23. Mai 1959 als Edith Georgine Brigitte Hofmann in Lienz zur Welt gekommen ist. (Wie gesagt: Edith genügt.) Ein Jahr später zogen ihre Eltern von Osttirol nach Vorarlberg, weil sie Arbeit in einem hiesigen Textilunternehmen fanden. So wuchs Edith mit einer älteren und einer jüngeren Schwester in Bludenz auf. Die Ferien verbrachte sie auf dem Bergbauernhof ihrer Großeltern in Lienz. Nach der Grundschulzeit absolvierte Edith die dreijährige Konfektionsklasse der Textilschule in Dornbirn. Danach legte sie die Damenschneidermeisterprüfung ab. Allerdings hat sie sich stets abseits der klassischen Bekleidungsproduktion bewegt. In ihrem Atelier verbindet Edith Kaufmann seit fast drei Jahrzehnten traditionelle Maßschneiderkunst mit ihrer besonderen Kreativität. Zwischenzeitlich war sie eine Weile mit Herrn Kaufmann verheiratet, wurde Mutter von zwei Töchtern – Constanze kam 1991 zu Welt, Magdalena im Jahr darauf – und übersiedelte nach Ludesch.

Neben dem Schneiderhandwerk habe sie im Laufe der Zeit ein Talent nach dem anderen entdeckt: „Und diese Talente haben mich zur Künstlerin gemacht.“ Dazu zählen fantasievolles Designen, das Restaurieren alter Möbelstücke sowie Kommunikation durch Kalligraphie – der Kunst des Schönschreibens.

2005 beschloss Edith Kaufmann, eine Auszeit vom Künstlerdasein zu nehmen. Sie erwarb den Lkw-Führerschein und lenkte zwei Jahre lang als Leasingchauffeurin Hänger- und Sattelzüge quer durch Europa. Diese Epoche ihres Lebens möchte sie nie missen, betont sie.

2007 begann Edith wieder auf allen Schneider-, Design- und Kunstbühnen zu wirken. Die für sie unabdingbaren Brotjobs fand sie in der Abteilung Produktentwicklung eines Fußacher Unternehmens und im Winter in einer Schneiderei in Lech. Zehn Jahre später übernahm Edith in Lech die Geschäftsführung des Rettl-Shops. Umgezogen ist sie auch wieder, diesmal nach Lochau ins alte Zollhaus.

„Rückwirkend betrachtet, hatte ich zur richtigen Zeit das richtige Gespür und meine Chancen immer genutzt“, resümiert Edith. Aber ein bissl verrückt sei sie schon, gibt sie zu. „Ja, das bin ich: ein bissl verrückt. Aber nur in den Verrücktheiten sehe ich, was über den Tellerrand hinaus passiert.“ Das Künstlerdasein ist aufregend. Da brauche sie schon auch Ruhephasen; „Ich genieße täglich ein bis zwei Stunden Achtsamkeit in aller Stille. Dabei chille ich auf meinem Sofa mit einem Glas Wein und gleite geistig in die Resonanz erlebter Augenblicke.“ Seit Kurzem ist Edith in Pension. „Ich arbeite trotzdem weiter“, stellt sie klar. Denn nichts tun geht gar nicht. „Das ist, als ließe man ein altes Auto stehen. Leitungen vertrocknen, die Bremsen funktionieren nicht mehr, es quietscht. Auch ein altes Auto muss gefahren werden.“ Dafür, dass sie auch als Pensionistin Beruf und Kunst ausleben kann, sei sie dankbar. Unumgänglich sei jedoch auch, schwierige Zeiten anzunehmen: „Dann denke ich: Wenn der Augenblick so ist, dann ist er halt so.“

Eine arrogante Bissgurn

Zu dieser Einstellung verholfen habe ihr auch, dass sie mittlerweile das Leben wie einen Film betrachte. „Ich sitze im Kinosaal in der ersten Reihe. Gefällt mir der Film, schaue ich ihn mir an. Gefällt er mir nicht, verlasse ich den Saal.“ Im Kinofilm „Golden Board“, der neulich im Kino Bludenz vorgestellt wurde, ist sie nicht Zuschauerin, sondern ist auf der Leinwand zu sehen. Der Feldkircher Filmemacher Niko Mylonas hat in seinem Ländle-Agententhriller mit Edith Kaufmann die Rolle der „Lady Black“ besetzt – eine arrogante Bissgurn, die nach Allmacht und noch mehr Reichtum strebt. Im wirklichen Dasein lebt Edith indes das Gegenteil: „Besitz belastet“, sagt sie. Und mit Machtgelüsten habe sie überhaupt nichts am Hut. „Ich lebe genau das, wofür sich mein Herz und mein Geist entscheiden, und ich wünsche mir, dass mich jeden Tag die Muse küsst, damit ich meinen Verrücktheiten nachgeben kann.“

Edith Kaufmann im Outit der „Lady Black“, die sie in einem Film darstellt. HRJ
Edith Kaufmann im Outit der „Lady Black“, die sie in einem Film darstellt. HRJ

Zur Person

Edith Georgine Kaufmann

Geboren 23. Mai 1959

Berufe Damenschneidermeisterin, Künstlerin

Familie Mutter von zwei Töchtern