Einsamkeit und Vereinsamung (2)

Vorarlberg / 18.12.2019 • 21:55 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Gerade zu Weihnachten gewinnen die Themen Alleinsein, Verlassenheit und Heimatlosigkeit besondere Bedeutung. Mehr denn sonst spüren wir in der Zeit der Besinnung, so sie das noch tatsächlich ist, Sehnsucht nach menschlicher Verbundenheit und emotionaler Nähe. Intensiver als im Lärm des Jahres werden an den Festtagen der Empathie manche Ängste vor Isolierung und Verlorensein empfunden. Die heute auch gesellschaftspolitisch so wichtige Frage der individuellen Vereinsamung in einer vernetzten und globalisierten Welt spitzt sich an Weihnachten zu.

Einsamkeit und Vereinsamung sind aber nicht dasselbe. Einsamkeit hat auch positive Seiten. Wir suchen die Ruhe der Einsamkeit und erholen uns in der einsamen Natur. Nirgends geht das Denken klarer als in der Einsamkeit und nichts fördert die Kreativität mehr. Einsamkeit ist stressabbauend, beruhigend und meditativ. Franz Kafka schreibt in seinen Tagebüchern, er verdanke dem Alleinsein alles, was er geschaffen habe, und Pablo Picasso glaubt, nur in der Einsamkeit könne man Großes schaffen.

Vereinsamung ist hingegen etwas, was einem geschieht. Man wird verlassen, fühlt sich an den Rand gedrängt und verliert den Anschluss, auch wenn man sich dagegen wehrt. Man ist nicht mehr gefragt und wird nicht gebraucht, die Existenz verliert an Sinn. Vereinsamung ist Ursache und Folge von psychischen Störungen zugleich, vor allem von Depressionen und Suchterkrankungen. Immer ist sie mit Bedrücktheit, Ängstlichkeit und eingeschränkter Lebensfreude verbunden. Manchmal ist sie so schwer zu ertragen, dass man nicht mehr weiterleben will. „Mich erwürgte Vereinsamung“, hieß es in einem Abschiedsbrief.

Allein sein zu müssen, ist belastend und zermürbend. Allein sein zu wollen und zu können, kann hingegen inspirierend sein. Einsamkeit ist oft positiv, Vereinsamung ist es nie. Wenn die Isolierungs- und Verlassenheitsprobleme gelöst werden sollen, gilt es also, sich mit der Einsamkeit zu versöhnen und gegen die Vereinsamung aktiv vorzugehen. Nicht nur Politik und Institutionen, sondern jeder Einzelne. Heute, hier und jetzt. Mehr als jeder sonstige Anlass bietet Weihnachten die Chance, gegen Ausgrenzung und Isoliertheit etwas Konkretes zu tun. Nichts Großes, sondern scheinbare Kleinigkeiten. Ein Telefonanruf bei ehemaligen Weggefährten, ein Besuch auf der Pflegestation, ein Brief ins Gefängnis oder ein interessiertes Gespräch mit Flüchtlingen könnten wärmendes Licht in die kalte Dunkelheit der vereinsamenden Menschheit bringen.

„Einsamkeit und Vereinsamung sind aber nicht dasselbe. Einsamkeit hat auch positive Seiten.“

Reinhard Haller

reinhard.haller@vn.at

Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut
und früherer Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene.