Aug’ in Aug’ im guten Sinn

Vorarlberg / 20.12.2019 • 17:26 Uhr / 12 Minuten Lesezeit

Gerichtspsychiater Dr. Reinhard Haller und VN-Chefredakteur Gerold Riedmann diskutieren über das Gute und Böse im Menschen und den Wert von Weihnachten.

Die Frage, die sich mir so kurz vor Weihnachten ganz im Positiven aufdrängt ist: Glauben Sie eigentlich noch an das Gute?

Wenn es das Gute gibt, muss es das Böse geben und umgekehrt. Wo Licht ist, ist bekanntlich auch Schatten, und ich denke, wenn der menschliche Wille wirklich frei sein sollte, wovon ich ausgehe, muss er sich natürlich für das Gute und das Böse entscheiden können. So meine ich, dass diese beiden gegensätzlichen Kräfte im menschlichen Wesen immanent sind.

Warum fällt es uns Menschen so schwer, das Gute zunächst zu erkennen, dann aber auch weiterzutragen, während das Böse einen viel stärkeren Einfluss auf uns nimmt?

Ich glaube, jeder Mensch spürt, dass er in sich auch böse Anteile hat. Für mich stellte beispielsweise die Frage mit der Erbsünde immer ein gewisses Problem dar. Warum soll ein unschuldiges Kind schon eine Sünde haben und sogar in die Hölle kommen, wenn es nicht getauft wird? Ich glaube, das ist eine symbolische Auslegung dessen, dass der Mensch in sich zwar auch einen Moralinstinkt hat, aber auch die Tendenz zum Bösen. Das ist vermutlich eine Ableitung des Aggressionstriebs, den er braucht, um zu überleben und sich fortzupflanzen. Wir spüren die bösen Anteile in uns, möchten damit aber nichts zu tun haben. Gleichzeitig sind wir immer auf der Suche danach. Wir wollen uns ja selbst kennenlernen. Deshalb denke ich, dass dieses Böse deshalb fasziniert, weil es im Prinzip ein Stück weit ein Spiegel dessen ist, was wir in uns selbst vermuten, was wir aber nicht erkennen können, weil es die verschatteten Anteile unseres Seins sind.

Nicht immer müssen Kränkungen und Ansammlungen des Bösen auch eskalieren. Der Begriff des Verzeihens spielt gerade in der Weihnachtszeit eine Rolle. Wie funktioniert verzeihen?

Verzeihen wäre natürlich die edelste Form des Umgangs mit Kränkungen und Bösem, aber ich fürchte, da bin ich fast ein bisschen überfordert, weil das für Theologen und Seelsorger maßgebend ist. Letztlich würde verzeihen ja in erster Linie heißen, man verzeiht sich selbst. Man schneidet von sich diesen ganzen Rattenschwanz an Grübelei, Schlaflosigkeit, Gekränktheit, Depressivität, an Selbstvorwürfen und Rachegedanken ab und befreit sich selbst. Ich weiß schon, und das geht mir auch so, das ist etwas, das uns relativ schwerfällt, wäre für beide Seiten jedoch die beste Umgangsweise mit all‘ diesen Dingen und würde verhindern, dass sich das Böse fortpflanzt, nämlich innerhalb des eigenen Lebens, aber manchmal sogar von Generation zu Generation.

Sie haben insgesamt ein Jahr Ihres Lebens im Gefängnis verbracht, sind mit Mördern in Zellen gesessen. Gestählt durch diese Erlebnisse: Hat man da vor gar nichts mehr Angst?

Doch, ich bin sogar ängstlicher geworden. Meine Kinder haben mir das ständig, und ich glaube zu Recht, zum Vorwurf gemacht, dass ich überall das Kriminelle, das Gefährliche sehe. Das wirkt sich natürlich auch auf die Erziehung aus, und als Psychiater weiß ich, dass Angst ein ganz schlechter Erziehungsratgeber ist. Ich bin insgesamt ängstlicher geworden. Wenn ich etwa am späten Abend eine jugendliche Gruppe in leicht alkoholisiertem Zustand sehe, mache ich sofort einen großen Bogen um sie oder gehe auf die andere Seite hinüber. Ich traue auch einzelnen Menschen viel mehr zu, als ich das vor 30 Jahren noch getan hätte.

Ist das eine Frage des Lebensalters?

Angst hat mich immer begleitet, aber nicht in pathologischer Form. Angst ist letztlich ein Wachhund, den wir brauchen, er sollte jedoch nicht zu einem reißenden Wolf werden, der die Seele auffrisst. Ich habe mich immer darum bemüht, dass die Angst in ihrer richtigen Funktion und Dosis vorhanden ist. Trotzdem meine ich, dass es gut ist, wenn man immer damit rechnet, dass im Menschen neben dem Guten auch sehr viel Böses steckt und dass jeder Mensch unter bestimmten Umständen zu allem Möglichen in der Lage ist. Im Laufe meines Psychiaterlebens hat mich immer interessiert, welche Persönlichkeiten böse sind. Sind es die emotional Instabilen, die Narzissten, die Gemütsarmen oder sind es vielleicht sogar Menschen, die eine seltene psychische Krankheit haben. Im Laufe der Zeit haben mich dann eher die Situationen interessiert, unter denen das Böse zutage tritt. Man stellt sich immer auch die Frage, ob jeder zum Mörder werden kann. Das verneine ich, weil Mord ein strafrechtlicher Begriff ist und einen bösen Plan voraussetzt. Ich glaube nicht, dass jeder Mensch dazu in der Lage ist, aber zum Töter kann in einer Ausnahmesituation jeder werden.

Einer, der nur wegen einfachen Mordes rechtskräftig verurteilt wurde, aber mutmaßlich viele weitere Morde begangenen hat und einer der großen Bösen war, den Sie näher kennenlernen mussten, ist Jack Unterweger. Es ist 25 Jahre her, dass er sich das Leben genommen hat. Hätte ein Wiederholungstäter wie er überhaupt irgendwann freikommen können?

Der Fall Unterweger ist heute noch so faszinierend, weil es der erste große Serienkiller-Fall war, den man außerhalb der USA verhandelt hat. Man dachte lange, Serienkiller seien ein US-amerikanisches Phänomen. Dem war aber nicht so. Jack Unterweger verkörperte zudem perfekt das Bild des charmanten Psychopathen. Er war auch der Liebling der Society, dabei steckte ein Monstrum in ihm. Es ist tatsächlich auch für das Böse kennzeichnend, dass es sich hinter einer schönen Fassade versteckt. Diese Menschen sind keine Geisteskranken, es sind bösartige Narzissten. Sie sind durchschnittlich oder graue Mäuse, die sich dadurch wichtig machen, dass sie andere erniedrigen. So, wie der Einäugige nur dann König ist, wenn er unter lauter Blinden ist. Ich glaube nicht, dass man diese Menschen wirklich behandeln kann. Man kann ihnen höchstens beibringen, mit ihrer Abnormität einigermaßen zurechtzukommen. Dass sie von ihren sadistischen Fantasien loskommen, sie sich von ihrem narzisstischen Gehabe trennen, halte ich auch als optimistischer Therapeut nicht für möglich.

Müssten Sie ein Gutachten über Weihnachten schreiben, was stünde drinnen?

Es stünde drinnen, dass es das Ende der bösen Zeit darstellt. Aus heutiger Sicht könnte man sagen, es ist oder sollte es wenigstens sein, das Fest der Empathie, bei dem wir diese urmenschliche Eigenschaft, die leider mehr und mehr verloren geht, noch einmal hochleben lassen, indem wir es mit anderen Menschen gut meinen, ihnen Geschenke geben, indem wir letztlich die Gefühlswelt wieder einmal zum Tragen kommen lassen. Von daher meine ich, dass Weihnachten heute aktueller denn je wäre.

Was wären einfache Anleitungen, um Empathie auch im Alltag öfters zu zeigen?

Die Empathieforschung unterscheidet natürlich zwischen verschiedenen Formen. Es ist auch ein sadistischer Mensch empathisch. Er weiß ganz genau, was seinem Opfer besonders wehtut. Es geht also um die gute Empathie, um die Sympathie, das Mitleid und ähnliches. Ich glaube, wenn man dieses urmenschliche Gefühl, das in jedem steckt, versucht, zu pflegen, immer nach der Regel „Was du nicht willst, das man dir tut, das füg’ auch keinem andern zu“, würde man schon verhindern können, dass es zu Bösem kommt, auch zu größerem Bösen, wie es etwa Kriege sind.

Die gute alte Weihnachtskarte verabschiedet sich zunehmend. Stattdessen quillt das Handy an Kurznachrichten über, oft versehen mit allen möglichen und unmöglichen Emojis. Wird unsere Kommunikation dadurch tatsächlich emotionaler?

Ich fürchte nicht. Schon Stephen Hawkings hat gesagt, der Computer kann viel, aber er wird niemals wirklich empathisch sein. Selbst wenn wir ihm noch so viele Variationen von Smileys aufdrängen, die echte menschliche Empathie, also das Leuchten der Mutteraugen, das Mitleid, das man einem anderen Menschen in seiner Mimik zum Ausdruck bringen kann, die Trauer . . . das alles wird nicht digitalisiert werden können. Bei der Weihnachtskarte hat man immerhin noch seine Graphologie hineinlegen müssen. Aber das Allerwichtigste wäre, dass es zu einem Face-to-Face-Austausch kommt. Aug‘ in Aug‘ im guten Sinn.

Sie haben viel zu Kränkung und Bösem veröffentlicht. Dann kam das Buch zur Wertschätzung, das quasi den Gegenentwurf liefert. War Ihnen das eines der Hauptanliegen?

So ist es tatsächlich gewesen. Der Verlag meinte, jetzt haben Sie so vieles über das Schreckliche geschrieben, über das Böse, über Süchte, über Narzissmus, liefern Sie doch auch einmal eine Lösung. Das hat mich überzeugt, und das andere Argument, das für mich maßgebend gewesen ist, war die Beobachtung, dass es eine Sehnsucht nach guten Meldungen gibt. Die Menschen haben die Schnauze voll von schlechten Nachrichten, Skandalen, Intrigen und Hinterhältigkeiten. Sie wollen wieder so etwas wie Wertschätzung erfahren. Aus meiner therapeutischen Arbeit kann ich sagen, jeder Mensch, dem wir begegnen, und das ist eine Grundregel, will wertgeschätzt werden. Umgekehrt glaube ich, dass wertschätzen nur kann, wer selbst Wert hat. Menschen, die alle Wertschätzung für sich selbst brauchen, haben nicht mehr genug Potenzial, um auch andere wertzuschätzen. Echte Wertschätzung ist also eine Win-Win-Situation für alle.

Dafür, dass Sie Gerichtspsychiater wurden, gibt es quasi eine gewisse politische Mitschuld. Erzählen Sie uns die Geschichte?

Gerne. Ich war junger Assistenzarzt, Eckhart Ratz junger Richter. Er hatte die Unterbringungsfälle am Landeskrankenhaus Rankweil zu beurteilen. Dabei lernten wir uns kennen. Er rief mich ein paarmal aus strafrechtlichen Verfahren heraus an und wollte bestimmte Fachausdrücke erklärt haben. Beim dritten Mal fragte er mich, willst du es nicht einmal selbst probieren, du kannst alles so gut erklären. So bin ich zur Gerichtspsychiatrie gekommen, die übrigens eine sehr spannende Disziplin ist, ich glaube überhaupt die spannendste, die es in meinem Fach gibt. Ich wünsche ihr, dass sie wieder mehr Interesse findet, sie steckt, wie die gesamte Psychiatrie in einer Krise. Dem damals jungen Richter Eckart Ratz würde ich wünschen, aber auch der gesamten Republik, dass er vielleicht in der bevorstehenden Regierungsbildung den ihm zustehenden Auftrag bekommt, als Innenminister oder Justizminister.

Jack Unterweger verkörperte zudem perfekt das Bild des charmanten Psychopathen. Er war auch der Liebling der Society, dabei steckte ein Monstrum in ihm.