Eine weihnachtliche Filmkritik

Vorarlberg / 20.12.2019 • 18:42 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Zu Weihnachten vor 100 Jahren war Österreich ein bitterarmes Land. Selbst das vom Ersten Weltkrieg ausgezehrte Deutschland schickte Lebensmittel für die hungernde Bevölkerung. Besonders in Wien war die Lage ein Jahr nach Kriegsende noch immer angespannt. Brot, Mehl und andere Lebensmittel waren rationiert. Am 24. Dezember 1919 durften die Wiener in mehreren Bezirken um polnische Kartoffeln anstehen. Die Norweger schickten unter anderem 100 Fässer Lebertran, die Stadt Köln erklärte sich bereit, 700 hungernde Wiener Kinder aufzunehmen. Besonders schlimm war der allgemeine Kohlenmangel. Mit dem vorhandenen Heizmaterial konnten gerade einmal die Spitäler und andere öffentliche Einrichtungen geheizt werden. Das Militär musste ausrücken, um in den Wäldern Brennholz für die Hauptstadt zu schlagen.

In Vorarlberg entschied sich das Land kurz vor Weihnachten, in eine Geflügelzucht zu investieren, um die Ernährungssituation zu verbessern. In Lindau und Umgebung wurden Lebensmittel für Bregenz gesammelt. Aus der Schweiz kamen Wäschestücke für Vorarlberger Jungmütter. Das Ausland spendete für Österreich, während Österreich für die Kriegsgefangenen im Ausland spendete.

Die Bevölkerung versuchte die Not auf eigene Weise zu lindern. Die Gendarmerie gab zu Weihnachten bekannt, dass vom 1. März bis zum 1. Dezember 729 Kilo Fleisch und Wurst sowie 790 Kilo Käse von Schmugglern beschlagnahmt worden seien. Hinzu kamen unter anderem 2888 Eier, 167 Kilo Schokolade, 16 Silberlöffel und 42 Fahrradschläuche. Das beliebteste Schmuggelgut waren jedoch Tabakwaren. Finanz und Gendarmerie zogen in nur neun Monaten 243.265 illegal eingeführte Zigarren und Zigaretten ein.

Trotz der allgemeinen Notlage fand man aber auch Zeit, sich über anderes aufzuregen: Das konservative Volksblatt wetterte im Advent vor 100 Jahren gegen einen in Bregenz gezeigten „Christusfilm“. Kein Katholik könne sich diesen ansehen, „ohne seinen eigenen Glauben zu schädigen“, verkündete der Bregenzer Stadtpfarrer. Der Heiland werde darin „zu einem bloßen Geschöpf erniedrigt“.

Die Inhalte des Werkes seien „freche und schwere Faustschläge in das Gesicht unseres heiligen, katholischen Glaubens“. Das Volksblatt beantwortete die Frage, ob man sich dieses „rationalistische Bild unseres Heilandes“ ansehen könne, ebenfalls „mit einem entschiedenen: Nein!“ Am 25. Dezember ruderte man schließlich zurück. Die Kritiker hatten den Film gar nicht gesehen. Ihre Wut entzündete sich allein an dessen Bewerbung im Bregenzer Amtsblatt. Die amtliche Überprüfung des Werkes im Beisein eines Priesters habe jedoch ergeben, so das Volksblatt reumütig, dass „der Film an sich einwandfrei“ sei.

Moritz Moser stammt aus Feldkirch, lebt und arbeitet als Journalist in Wien. Twitter: @moser_at