Kein Heimweh mehr nach Vietnam

Vorarlberg / 22.12.2019 • 19:03 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Längst fühlt sich Lanh Autengruber in Vorarlberg zu Hause.HRJ
Längst fühlt sich Lanh Autengruber in Vorarlberg zu Hause.HRJ

Dass Lanh den Minenunfall überlebt hat, grenzt an ein Wunder.

HÖRBRANZ Egal, wo man ist, man macht das Beste daraus. Das sagt Lanh Autengruber immer, wenn sie ihre Geschichte erzählt. Oder Fragmente davon. Und immer lächelt die Vietnamesin dabei und mildert dadurch die Tragik des Erlebten. Lanh ist bei der Flucht aus Vietnam auf eine Mine getreten. Dass sie das Unglück überlebt hat, grenzt an ein Wunder.

Ngyuen Thi Lanh (so hieß sie damals noch) stammt aus einem Dorf in der Provinz Gia Lai, rund 600 Kilometer nordwestlich von Saigon. Sie kam im April 1971, im Vietnamkrieg, zur Welt. Ihre Eltern waren buddhistische Bauern.

Zu Fuß auf der Flucht

Im Alter von 17 Jahren sah Lanh für sich keine Zukunft im kommunistischen Vietnam. Im November 1988 flüchtete sie mit ihrer älteren Schwester Dung und anderen Angehörigen zu Fuß aus Vietnam über Kambodscha Richtung Thailand. Der Marsch war mühsam. Die Vietnamesen litten Hunger, Durst, und die Hitze machte ihnen zu schaffen. Dazu gesellte sich die Angst, von Polizei- oder Armeetruppen entdeckt und in das Land zurückgeschickt zu werden, in dem sie als Südvietnamesen Repressionen ausgesetzt waren.

Der Vietnamkrieg endete 1975 mit dem Sieg der Vietcong über den von den USA unterstützen Süden des Landes und der Installierung eines kommunistischen Regimes. Um Internierung in Umerziehungslagern und Zwangsenteignung zu entkommen, setzte eine massive Flüchtlingswelle ein. Zwischen 1975 und 1995 haben rund zwei Millionen Vietnamesen ihr Land verlassen, die meisten als Boatpeople übers Meer, ein Teil zu Fuß übers Land. Unter ihnen Lanh: „Wir waren nur nachts unterwegs, damit man uns nicht sehen konnte. Tagsüber versteckten wir uns.“

Es passierte an einem Abend im Grenzgebiet zwischen Kambodscha und Thailand. Die Flüchtlinge gingen auf einem Schotterweg, als Lanh auf eine Mine trat. Durch die Wucht der Explosion wurden Fuß und Unterschenkel zerfetzt. Das bewusstlose Mädchen wurde in einer Hängematte in das nahe gelegene Flüchtlingscamp Kao-I-Dang transportiert. Kao-I-Dang lag auf thailändischem Boden und beherbergte Kambodschaner, die dem grausamen, von Pol Pot angeführten Regime der Roten Khmer entfliehen konnten.

Viele Stunden vergingen, bis Lanh im Lagerspital behandelt wurde. Zuvor habe man sie nämlich mit einem Tuch zugedeckt in der Leichenhalle abgestellt, weil sie für tot gehalten wurde. „Jemand, der zufällig an mir vorbeiging, bemerkte jedoch, dass mein verbliebener Fuß zitterte und ich noch lebte.“ Daraufhin habe man sie sofort operiert. Der zerfetzte Unterschenkel musste über dem Knie amputiert werden. „Das alles hat mir ein Pfleger berichtet“, räumt Lanh ein, „allerdings erst Wochen später.“ Lanh erfuhr auch, dass das kambodschanische Militär die anderen Geflüchteten gefangen genommen und den vietnamesischen Behörden ausgeliefert hat.

Nach mehreren Monaten Aufenthalt in Kao-I-Dang wurde Lanh in das Lager Ban Thad gebracht, das die thailändische Regierung für vietnamesische Flüchtlinge eingerichtet hatte. Dort fand Lanh ihren Bruder Nguyen Van Huynh und dessen Familie, die bereits drei Jahre zuvor Vietnam verlassen hatten.

Österreich erklärte sich bereit, den Nguyens Asyl zu gewähren. So landeten die drei Erwachsenen und zwei Kinder (ein fünfjähriges Mädchen und ein dreijähriger Bub) an einem kalten Novembertag 1989 auf dem Flughafen Wien-Schwechat. „Als ich aus dem Flugzeug stieg, fühlte ich mich sicher. Das Lagergefängnis war weit weg. Und ich musste nicht mehr hungern“, beschreibt Lanh den Augenblick ihrer Ankunft in Österreich. Von Schwechat ging es weiter in die Erstaufnahmestelle in Thalham. Vorarlberg ist seit Februar 1990 die neue Heimat der Familie Nguyen.

Eine neue Beinprothese

Hier lernte Lanh innerhalb von sechs Monaten Deutsch, absolvierte die Fachschule für wirtschaftliche Berufe Marienberg, bekam einen Job bei Wolford „und eine neue Beinprothese, mit der ich gut gehen kann“.

Arno Autengruber begegnete sie 1998 in Bregenz. Im Jahr 2000 tauschte das Paar die Ringe, in den Jahren darauf kamen die Söhne David und Dean zur Welt. Beruflich wechselte Lanh ins Gastgewerbe. Unter anderem führte sie das Bistro Nam Viet in Bregenz. Jetzt verwöhnt sie als Küchenchefin die Gäste im „Platzhirsch“ in Lochau mit asiatischen Köstlichkeiten.

Längst fühlt sich Lanh Autengruber, die mit ihrer Familie in Hörbranz wohnt, in Vorarlberg daheim. Das war aber nicht immer so. „Am Anfang hatte ich furchtbar Heimweh“, gesteht sie. Denn leicht sei es nicht gewesen, sich in das fremde Land mit anderer Kultur und der schwer erlernbaren Sprache einzugewöhnen. Aber: „Egal wo man ist, man macht das Beste draus“, sagt Lanh und lächelt dabei.

Wir waren nur nachts unterwegs, damit man uns nicht sehen konnte.“