Die Gabe der Einfachheit

Vorarlberg / 23.12.2019 • 17:47 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
„Geheimnis der Menschwerdung Gottes in Christus“ von Ferdinand Gehr aus Altstätten (CH); 1966, Propsteikirche St. Gerold. Peter Mathis
„Geheimnis der Menschwerdung Gottes in Christus“ von Ferdinand Gehr aus Altstätten (CH); 1966, Propsteikirche St. Gerold. Peter Mathis

Dank der Offenheit von Pater Nathanael und dessen Wertschätzung gegenüber dem Menschen, Gottsucher und Künstler Ferdinand Gehr befinden sich heute zwölf Original- und teils Monumentalwerke des herausragenden (Sakral-)Malers aus dem benachbarten St. Galler Rheintal in der Propstei St. Gerold. Hier abgebildet sehen Sie das 1966 vollendete große Fresko „Geheimnis der Menschwerdung Gottes in Christus“ im Altarraum der Propsteikirche.

Ohnmacht des Weihnachtsgeheimnisses

Ferdinand Gehrs (Kirchen-)Malerei erfährt bis heute Bewunderung wie Ablehnung. Sein monumentaler Stil, die Einfachheit und Klarheit in Form und Farbe, die Reduktion auf das Wesentliche bleiben für manchen Betrachter eine Herausforderung. Im Januar 1954 schrieb Ferdinand Gehr in einem Brief: „Die abstrakte Kunst hat die Eigenschaft, dass sie Äußerliches weglässt und auf das Innere hinweist.“ Diese Kunst- und Seelensprache von Ferdinand Gehr ist nicht die Sprache der Masse. Sie ist eine Sprache, deren Geist und Intention sich häufig erst auf den zweiten, den aufmerksamen, vertiefenden Blick erschließt – eine Provokation für Menschen, die schneller sind im Reden und Urteilen, als im Nachdenken und Verstehen-Wollen.

Ist Gehrs Schicksal nicht auch Schicksal und Ohnmacht des Weihnachtsgeheimnisses, der Liebe und des Liebenden in der Welt? Dass sie nicht verstanden, abgelehnt und gar mit Füßen getreten werden, weil sich ihr Wesen, ihre Kraft und Bedeutung uns Menschen nur auf den zweiten, den achtsamen, vertiefenden Blick erschließen?

Ferdinand Gehr war ein Mann von großer Selbstbescheidung und spirituellem Tiefgang, der die Gottesbeziehung nicht bloß im Munde geführt, sondern seit jungen Jahren verinnerlicht hatte. In einer der seltenen Ausstellungen über dessen Kunstschaffen im Spätsommer 2014 in Altstätten war eines seiner Tagebücher einzusehen, aufgeschlagen auf der Seite, auf der der 26 Jahre junge Gehr 1922 mit Bleistift notiert hatte: „Heute bitte ich dich nur um eines, Herr, um die Gabe der Einfachheit.“ Diese Einfachheit hat Gehr zeitlebens geprägt und ist gleichsam zum Kennzeichen seiner Persönlichkeit und seines Kunstschaffens geworden. Sie äußert sich auch in seiner höflichen aber klaren Antwort auf den persönlichen Vorwurf einer Frau, dass sein neues Altarfresko in St. Gerold schändlich und gotteslästerlich sei und dass jedes Kind es ihm gleichtun könne: „Sie haben recht, gute Frau: Kinder und ich, wir können es. Sie aber könnten es nicht!“

Kindliche Unvoreingenommenheit

Gehrs Sympathie für das Ideal kindlicher Unvoreingenommenheit zeigt sich auch in seinem Bekenntnis in einem Fernsehinterview in der Propstei kurz nach Fertigstellung des Altarfreskos: „Ich merke immer mehr, dass das Kind die wirkliche Anschauung der Welt in sich hat, die noch unverdorbene Anschauung der Welt. Und je älter ich werde, umso mehr kommt mir in den Sinn, was Christus gesagt hat, dass die Kinder das Himmelreich in sich haben.“

Liebe Leserinnen und Leser, ich wünsche Ihnen zu Weihnachten und für das neue Jahr etwas von der edlen Einfachheit, Ruhe und Heiterkeit, die die Bilder von Ferdinand Gehr ausstrahlen. Sind nicht sie wesentliche Pfeiler für ein zufriedenes und gelingendes Leben in unserer vertrackten, lauten und angstbesessenen Zeit?

Pater Kolumban Reichlin, Propst von St. Gerold.
Pater Kolumban Reichlin, Propst von St. Gerold.