„Ich geb’ dir Brot, du gibst mir Sinn“

Vorarlberg / 23.12.2019 • 18:41 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
„Einmal guter Hirte sein für andere“, dann wird es Weihnachten in einem Menschenleben. Georg Sporschill, weiß genau, wovon er spricht. Elijah
„Einmal guter Hirte sein für andere“, dann wird es Weihnachten in einem Menschenleben. Georg Sporschill, weiß genau, wovon er spricht. Elijah

Das Weihnachtsfest bietet uns auch die Chance zur eigenen Menschwerdung, sagt der Jesuit Georg Sporschill (73).

Eigentlich ist Weihnachten ja sein Beruf. Dabei hatte das Christkind in meiner Erinnerung kaum so zerzauste Haare, schon gar keinen grauen Bart. Allenfalls so lebendige, flinke Augen wie er. Aber diese Augen haben viel gesehen. Mehr, als in manch einem Menschenleben Platz hat. Georg Sporschill ist 73 Jahre alt. Aber wenn er über sein Projekt Elijah spricht, seine Roma und deren Kinder, ist er ganz jung.

Die weihnachtliche Botschaft heißt doch wohl, „dass das Kind in der Mitte ist“. Da fühlt sich der Vorarlberger Jesuit in seiner Überzeugung bestärkt. „Denn wenn du Kinder in der Nähe hast, erlebst du Weihnachten“, sagt er. Und es existiert kaum eine Fotografie, die ihn nicht umringt von Kindern zeigt. Inmitten ungewaschener, in abenteuerliche Lumpen gehüllter, lachender Kinder. Man kann sie förmlich riechen. Und tatsächlich sind Gerüche wichtig in Sporschills Leben. Er liebt den Weihrauch. Die herberen Dürfte hält er aus. „Wenn ich ein Haus betrete, rieche ich sofort, was los ist.“ Georg Sporschill ist ein Leben lang dorthin gegangen, wo die Not am größten war. Er hat sich dabei einen feinen Geruchssinn bewahrt.

Wer ist ein Kind?

Kinder, das sind in seinen Augen „alle, die schutzbedürftig oder verletzbar sind“. Das muss kein Baby sein. „Straßenkinder, Flüchtlinge, alte Leute, die Einsamen und die Schwierigen“, alle fallen unter Sporschills Kinder-Begriff. Die Bedürftigen und die Verletzbaren. Auch die Kranken. „Weihnachten stellt sie alle in die Mitte.“ Nach einer kleinen Pause fügt er an: „So begegne ich Jesus im täglichen Schaffen. Das ist das Privileg meines Berufs.“

Georg Sporschills aktuelles Projekt trägt den Namen Elijah. Ein alter, bedeutsamer Name ist das. Der zornige Mann aus dem neunten vorchristlichen Jahrhundert ist nach Mose der größte Prophet der hebräischen Bibel. Dabei kam er aus dem Dorf Tischbe im Westjordanland, ein Israelit ohne Grund und Boden. Im aufkeimenden Großgrundbesitz dieser Zeit also einer von ganz unten. Elijah kam Sporschill wohl gerade recht, Elijah mit seinen Raben. Denn der Erzählung zufolge haben Rabenvögel den Propheten vor dem Verhungern bewahrt. In Rumänien wiederum gilt das Wort „Corb“ (Rabe) als üble Beschimpfung für die Roma. Und in den sechs Dörfern, in denen Sporschill und seine Leute Sozialarbeit leisten, leben viele Roma. Sie wohnen immer am Rand. „Die Roma wissen, in welche Straßen sie nicht ziehen dürfen.“ Immer verpönt, „obwohl sie seit 800 Jahren im selben Land leben“. Entrechtet. „Dabei haben sie denselben Pass.“ Buchstäblich in Armut und Dreck. „Sie haben nur einen Reichtum, das ist ihr Kinderreichtum.“ Ihnen also bereitet Georg Sporschill das Weihnachtsfest.

Sein eigenes beginnt deshalb schon vor dem 24. Dezember. „Als Priester muss ich überlegen: Wie feiern die anderen?“ In Sporschills Alltag übersetzt heißt das: Wer braucht Kleider, Heizmaterial, Essen? Der Jesuitenpater und sein Team bringen den Menschen die materiellen Dinge, damit sie Weihnachten feiern können. Und legen das Religiöse wie ein Sahnehäubchen obendrauf?

„Ich lass sie predigen“

Sporschill lehnt sich zurück, lacht verschmitzt und schüttelt den Kopf. Nein, sein Deal geht ganz anders. „Ich kann zu einem x-beliebigen Roma nach Hause gehen. Der hat gar nichts, aber an seiner Wand hängt ein riesiger Wandteppich mit Jesus, dem guten Hirten.“ Kitschig und bunt und in unseren Augen auch billig. Was tut’s? „Die Roma sind auf ihre Weise fromm und sie lieben die Musik.“

Sporschill hat längst aufgehört, im Gottesdienst das große Wort zu führen. „Ich predige nicht. Ich lass sie predigen. Stell ihnen Fragen und höre mir die Antworten an. Ich kann gar nicht so vom Herzen her und überraschend über Gott reden, wie sie das tun.“ Freilich braucht es auch einen, der das zu schätzen weiß.

Diese Menschen können weder schreiben noch lesen, haben kaum ein Dach über dem Kopf. „Aber wenn du neugierig und offen bist, überschütten sie dich mit ihren Schätzen.“ So hält es Sporschill mit dem berühmten österreichischen Neurologen und Psychiater Viktor Frankl: „Ich gebe dir Brot, du gibst mir Sinn.“ Ein guter Deal. „Ich bringe das Materielle ein und sie das Spirituelle.“ Seit 30 Jahren lebt er nun schon unter den Roma. In Rumänien möchte Georg Sporschill dereinst sterben und begraben sein. „Ich streite oft mit dem orthodoxen Pfarrer darüber, ob er das zulässt.“ Auch ein bisschen Don Camillo und Pepone muss sein in Sporschills Alltag.

Gegensätze

Dieses Leben ist ein beständiger Wechsel zwischen den Welten. „Ich tanze auf zwei Hochzeiten“, sagt er, der bei den Gebenden und bei den Nehmenden gleichermaßen zu Hause ist. Sporschill nennt sich darob einen begnadeten Menschen. Heimweh ist ihm fremd. „Dort wo ich bin, lebe ich.“ Und manchmal verzweifelt er auch. Angesichts von Adriana etwa, die qualvoll am Krebs sterben muss und fünf unmündige Kinder zurücklässt. Oder der 13-jährigen Lucica, die sich kaum selber ernähren kann, aber Zwillinge erwartet. Jeder einzelne Tag führt den 73-Jährigen an diesen Punkt, an dem er glaubt: „Ich halte das nicht mehr aus.“ Aber jeder Tag schenkt ihm auch ehrliche Beziehung, Spannung, Humor. „Ich habe nie das Gefühl, dass es oberflächlich wird, weil es immer anders kommt, als du glaubst.“ Überraschungen bilden die Grundmelodie in Sporschills Leben.

Heuer wird er den Abend des 24. Dezember bei einer Familie verbringen, „die schwierig ist: Vater und Mutter verstehen sich nicht. Bei den Kindern gibt es Probleme.“ Sie haben ihn eingeladen. Wohl in der Hoffnung, dass sie durch seine Anwesenheit zusammenfinden.

Das ist denn auch sein Weihnachtsaufruf an alle, die es lesen wollen: „Überlegt euch, wer in eurer Umgebung Schutz braucht, verwundbar ist oder klein wie ein Kind. Wenn du dich dem zuwendest, erlebst du, was Weihnachten ist.“ So viele Menschen fragen hierzulande ratlos: Wie kann ich Weihnachten noch spüren? Dann antwortet Sporschill: „Besuche einen kranken Nachbarn. Dann erlebst du deine eigene Menschwerdung. Ich besuche sehr oft Kranke. Wenn ich aus dem Zimmer dann rausgehe, schau ich meine Seele an, dann mag ich mich eigentlich selber lieber.“ Diese Weihnachtsbotschaft trägt gar kein konfessionelles Röckchen. Katholik, Protestant, Orthodoxer, ist das wichtig? „Ich frag die Menschen immer: Wie viele Herrgötter haben wir? Einen. Und der hat eben mehrere Familien.“ Religiösen Stress „braucht kein Mensch“, sagt Sporschill. Aber einmal der gute Hirte sein für andere, das wäre doch ein grandioser Eintritt in die Weihnachtsgeschichte . . .

„Die Roma sind auf ihre Weise fromm und sie lieben die Musik.“