„Derzeit sind wir dazu nicht fähig“

Vorarlberg / 27.12.2019 • 18:54 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Seit 2010 ist Ernst Konzett Militärkommandant in Vorarlberg. Mit 65 Jahren geht er nun 2020 in den Ruhestand.VN/Paulitsch
Seit 2010 ist Ernst Konzett Militärkommandant in Vorarlberg. Mit 65 Jahren geht er nun 2020 in den Ruhestand.VN/Paulitsch

Aktuell könne nicht die gesamte kritische Infrastruktur im Land effektiv geschützt werden, sagt Ernst Konzett.

Bregenz Ernst Konzett zählt noch zu den Optimisten. Doch auch sein militärischer Gehorsam ist in den vergangenen Jahren strapaziert worden, sagt der Vorarlberger Militärkommandant. Bevor Konzett im Jänner in den Ruhestand tritt, spricht er mit den VN über den Wunsch nach einer längeren Wehrpflicht und den Zustand des Heers: „Wir sind nicht fähig, alle Schutzobjekte effektiv zu schützen.“

 

Wird das Heer zu sehr auf den Katastrophenschutz reduziert?

Konzett Es ist verständlich, dass die Bevölkerung dem Katastrophenschutz hohe Priorität zuordnet. Nur ist das nicht die Hauptaufgabe des Bundesheers. Es ist die Landesverteidigung. Die Welt ist instabil geworden, die sicherheitspolitische Entwicklung unvorhersehbar.

 

Kann sich Österreich verteidigen?

Konzett Es hängt davon ab, gegen welche Bedrohung und Risiken. Die Bevölkerung hat immer noch die Vorstellung vom Krieg aus der alten Zeit, mit Bombenangriffen und Panzerschlachten. So ist es schon lange nicht mehr. Die großen Player versuchen ihre Machtinteressen unter der Schwelle des offenen Kriegs mit hybrider Kriegsführung durchzusetzen: Cyberattacken, Fake News, geheimdienstliche Aktivitäten, eine moderne Industriegesellschaft ist leicht störbar. In Vorarlberg gibt es sehr viele Schutzobjekte, die wichtig für das Funktionieren unserer Gesellschaft sind, zum Beispiel Strom- und IT-Netze. Um sie zu schützen, braucht es neben Soldaten auch technische Ausrüstung, Kameras, Sensoren und vor allem Mobilität, damit wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein können.

 

Ist der Schutz der kritischen Infrastruktur im Land gewährleistet?

Konzett Derzeit sind wir nicht fähig alle Schutzobjekte effektiv zu schützen. Für einen länger dauernden und breitflächigeren Schutz bräuchten wir die Miliz. Mit nur sechs Monaten Grundwehrdienst ohne Truppenübungen ist das aber nicht möglich.

 

War es ein Fehler, den Grundwehrdienst auf sechs Monate zu reduzieren?

Konzett Aus unserer Sicht schon.

 

Der Verteidigungsminister möchte Grundwehrdiener, die freiwillig länger bleiben, mehr bezahlen.

Konzett Das wäre ein Ausweg. Aber ich habe Zweifel, ob genügend Geld da ist.

 

Sind die Tauglichkeitskriterien zu streng?

Konzett Es gibt natürlich Unterschiede. Aber es braucht eine Grundtauglichkeit, weil jeder Soldat zur Bewachung von Objekten eingesetzt werden können muss.

 

Wäre es möglich zu sagen: Wer nicht tauglich ist, muss in den Zivildienst?

Konzett Der Zivildienst ist ein Wehrersatzdienst. Da gibt es gesetzliche Grenzen. Etwas anderes wäre eine allgemeine Dienstpflicht.

 

Wäre das sinnvoll?

Konzett Heutzutage ist Landesverteidigung nicht nur militärisch, sondern auch geistig. Es gibt viele Bereiche, in denen junge Österreicher Beiträge leisten könnten. Ich würde es also als positiven Beitrag sehen.

 

Auch eine Wehrpflicht für Frauen?

Konzett Letztendlich ist Norwegen ein gutes Beispiel. Sie haben die Wehrpflicht für Frauen unaufgeregt eingeführt.

 

Für Sanierungs- und Ausbauarbeiten in den Kasernen Bregenz und Bludesch wurden 2017 vier Millionen Euro versprochen. Geworden sind es nicht einmal 500.000 Euro.

Konzett Das war unerfreulich, aber uns ist es trotzdem gelungen, die regionalen militärischen Strukturen zu erhalten. Außerdem konnten wir unser Kaderpersonal verstärken. Das soll aber nicht über die materiellen Mängel hinwegtäuschen.

 

2017 waren 35 Prozent der Kaderstellen, also 55, unbesetzt. Wie viele sind es jetzt?

Konzett Beim Hochgebirgsjägerbataillon 23 haben wir eine Besetzung von über 70 Prozent. Durch den höheren Kaderstand können wir mehr Grundwehrdiener im Land ausbilden. So ist die Chance größer, weiteres Kaderpersonal zu gewinnen. Es war wichtig, dass die jungen Unteroffiziere gleich viel bezahlt bekommen wie die jungen Inspektoren bei der Polizei.

 

Kommt die versprochene zusätzliche Pionierkompanie in Bregenz?

Konzett Die Idee ist stillgelegt.

 

Es hieß immer, sie wäre wichtig für den Katastrophenschutz.

Konzett Wir haben je nach Einrückungsturnus und je nach Stärke der Kontingente unterschiedliche Einsatzbereitschaft. In Zeiten, in denen die Soldaten vom Bataillon im Assistenzeinsatz an der Grenze sind, sind nur unsere Pioniere und die Militärmusik verfügbar. Mein Bemühen war es deswegen, beim Militärkommando mit einem zweiten Pionierzug durchgehende Einsatzbereitschaft der Pioniere sicherzustellen, um nicht so sehr vom Bataillon abhängig zu sein. Wir hätten aber das Kaderpersonal zur Verfügung. Es wäre möglich.

 

Wie reformfähig ist das Bundesheer?

Konzett Wir sind flexibel in der Umsetzung notwendiger neuer Strukturen. Nur bisher waren Strukturänderungen meistens sparorientiert. So wurde in den vergangenen Jahren gerade bei den Kommandanten das Spannungsverhältnis zwischen militärischem Gehorsam und eigenem Gewissen sehr groß oder überstrapaziert.

 

Mit jedem neuen Minister scheint es eine neue Reform zu geben.

Konzett Sie sagen es, obwohl einer unserer wichtigsten Führungsgrundsätze lautet, ein klares Ziel zu haben. Das hat uns aber über längere Zeit gefehlt – außer bei den Einsparungen. Was das Bundesheer jetzt braucht, ist Stabilität. Ansonsten tun sich auch die letzten Optimisten schwer.

 

Zählen Sie noch zu den Optimisten?

Konzett Ich war immer ein hoffnungsvoller Optimist. Ich kann nicht mit einem griesgrämigen Gesicht die jungen Soldaten motivieren, ihre Aufgaben weiterhin zu erfüllen. Denken Sie etwa an die Mechaniker, die die alten Autos noch immer reparieren.

 

Wie alt ist das älteste Auto, das noch in Betrieb ist?

Konzett Das sind derzeit die Pinzgauer, sie sind zwischen 35 und 40 Jahre. So ein Fahrzeug entspricht nicht dem heutigen Standard. Neben mehr Mobilität brauchen wir aber auch eine zeitgemäße Schutzausrüstung. Wir haben für das ganze Bataillon nur 40 Schutzwesten und zu wenig Nachtsichtgeräte.

„Neben mehr Mobilität brauchen wir aber auch eine zeitgemäße Schutzausrüstung.“