Wie man einen Staat abwickelt

Vorarlberg / 27.12.2019 • 18:49 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Der Untergang eines Staates hat viel mit dem Tod eines Menschen gemeinsam. Manche trauern mehr, andere weniger, und schließlich gibt es eine Verlassenschaft zu regeln. Nicht anders war es beim Ende der österreichisch-ungarischen Monarchie. Zwar hatte Ungarn den sogenannten Ausgleich und damit die Grundlage für das gemeinsame Staatswesen schon am 31. Oktober 1918 aufgekündigt, allerdings zog sich die Abwicklung der Angelegenheiten der ehemaligen k. u. k. Regierungsstellen noch länger hin. Mit den Nachfolgestaaten der Monarchie musste unter anderem über die Staatsschulden, das Staatsbürgerschaftsrecht und die Aufteilung des Archivgutes verhandelt werden. Die Position des nun kleineren Österreich war dabei nicht die allerbeste.

Die Tschechoslowaken und Südslawen begannen bald, ihre alten österreichischen Geldscheine abzustempeln. Auf ihren Territorien waren dann nur noch diese als Zahlungsmittel zulässig. Österreich musste im März 1919 auf den Zug aufspringen und seine Kronen-Scheine ebenfalls mit Stempeln markieren, um zu verhindern, dass die überschüssigen Geldmengen zu einer Hyperinflation führten. Der Friedensvertrag von St. Germain erhöhte die Last für Österreich zusätzlich: Es sollte den Großteil der Staatsschulden übernehmen und musste die Besatzungskosten der alliierten Truppen auf dem Gebiet der ehemaligen Monarchie ebenso zahlen wie die Kosten für Hilfslieferungen an die eigene Bevölkerung. Zudem sollten verschiedene Kulturgüter abgetreten werden, die tatsächlich oder angeblich unrechtmäßig in den Besitz der Habsburger gelangt waren. Italien forderte beispielsweise Kunstgegenstände ein, nur weil sie im 12. Jahrhundert in Palermo hergestellt worden waren.

Aber selbst nach dem Vertragsabschluss zog sich die Liquidierung Österreich-Ungarns weiter hin. Zum Jahresende 1919 musste der Präsident der Nationalversammlung, das provisorische österreichische Staatsoberhaupt, einen neuen Gouverneur für die Oesterreichisch-Ungarische Bank ernennen. Dies geschah freilich erst „nach Fühlungnahme mit den Regierungen der beteiligten auf dem Boden Oesterreichs entstandenen Nationalstaaten“. Die gemeinsame Zentralbank wurde erst 1922 aufgelöst. Die Abwicklung der k. u. k. Botschaften dauert ebenfalls länger. Da die Schweiz die Unabhängigkeit Ungarns erst am 9. Oktober 1920 anerkannte, mussten die diplomatischen Beziehungen weiterhin über die k. u. k. Gesandtschaft in Bern laufen, die erst danach aufgelöst werden konnte. Völlig abgewickelt ist die Monarchie genau genommen heute noch nicht, denn nach wie vor sitzt ein ungarischer Beamter im österreichischen Staatsarchiv in Wien und verwaltete dort das gemeinsame Archivgut der k. u. k. Zeit mit.

Moritz Moser stammt aus Feldkirch, lebt und arbeitet als Journalist in Wien. Twitter: @moser_at