Willkommen im neuen Jahr

Vorarlberg / 01.01.2020 • 18:55 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Draußen ist Nebel. Der Blick aus dem Fenster ins neue Jahr geht nicht weit. Astrids Engel und Weihnachtsleute stehen Spalier auf dem Fensterbrett. Schauen erwartungsvoll. Im Schwedenofen hinter mir flackert Feuer. Stille.

Was wird dieses Jahr wohl bringen? Die Frage klingt nicht ganz so bang wie vor einem Jahr. Eher ein wenig neugierig. Und etwas ungläubig. Man reibt sich noch immer die Augen.

Vor einem Jahr, das klingt unendlich lange her. Damals, mitten im Spuk nach Ibiza. Denn Ibiza war damals auch schon ein Jahr her. Nur wollte man es noch nicht wissen. Was für ein grotesker Alptraum, was davon geht nach dem Aufwachen weiter? Die Frage ist in diesem Nebel auch immer noch aktuell. Der immer so zornig dreinschauende kleine Mann mit den traurigen Augen träumte davon, endlich hoch zu Ross aufzutreten und Flüchtlinge in „Ausreisezentren“ zu demütigen. Um das Recht endlich seiner Politik folgen zu lassen. Aber wie vieles von seinen Träumen hat sein Nachfolger immer noch auf der Agenda? Die wiedergeborenen Grünen werden am Ende nicht nur an der Klimapolitik gemessen werden, sondern daran, wie sich das politische Klima verändert. Ob weiterhin Menschenverachtung gilt oder Menschenrechte?

Der Wiener Hallodri hingegen, der mit den vollen Rucksäcken und dem „was kostet die Welt, die Republik bezahlt“, er sorgt noch immer dafür, dass alle über ihn reden. Was machen jetzt die, die ihm zugejubelt haben? Die Wien-Wahl wird zeigen, ob sein Fanclub weiter auf ihn setzt, oder auf andere Hallodris. Oder irgendwas gelernt hat.

Und der Fast-Bundespräsident, der uns jetzt eine neue, wahrhaft türkise FPÖ verspricht? Er hat uns noch einen „Historikerbericht“ unter den Baum gelegt, der ein treues Abbild dessen liefert, was die „neue FPÖ“ von selbstkritischer Aufarbeitung hält. Nämlich genau nichts. Stattdessen darf sich dort unter anderem eine Aktivistin der Identitären als „Islam-Expertin“ aufspielen und die FPÖ dafür loben, sich von der Liebe der Nazis zu den Muslimen emanzipiert zu haben. Na ja, die Nazis haben die Muslime bekanntlich auch nur solange geliebt, solange sie weit weg waren und Juden gehasst haben. Heute ist das immerhin umgekehrt. Die FPÖ liebt die Juden, solange sie weit weg sind und Muslime hassen.

Was bleibt von 2019 außer der Erinnerung an einen beunruhigenden Spuk? Und an dessen offene Rechnungen? Die Sonntagsdemonstrationen in Vorarlberg. Hat jemand das Buch dazu noch nicht? Auch das gibt’s immer noch. Auf ein gutes neues Jahr!!

„Was bleibt von 2019 außer der Erinnerung an einen beunruhigenden Spuk? Und an dessen offene Rechnungen?“

Hanno Loewy

hanno.loewy@vn.at

Hanno Loewy ist Direktor des ­Jüdischen Museums in Hohenems.