Europa muss sein

Vorarlberg / 03.01.2020 • 17:51 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Nach 25 Jahren EU-Mitgliedschaft Österreichs kann Vorarlberg eine durchaus positive Bilanz ziehen. Die seit jeher exportorientierte Wirtschaft des Landes hat immens profitiert: Führte Vorarlberg 1994 noch Waren im Wert von 2,5 Mrd. Euro aus, waren es 2019 schon 10,5 Mrd. Die EU ist mit Abstand der wichtigste Markt für die heimische Wirtschaft. Von den 150,1 Mrd. Euro an Waren und Dienstleistungen, die Österreich 2018 exportierte, gingen 69,9 Prozent in die Union. Aber auch der Export in Drittländer stieg, weil Österreich von Freihandelsabkommen profitiert, die Europa mit der Welt schließt. Dass selbst wesentlich größere Marktwirtschaften Probleme haben, solche Abkommen zu ihrem Vorteil zu verhandeln, wird das Vereinigte Königreich nach seinem EU-Austritt noch leidvoll erfahren. Weder China noch Indien warten darauf, einen Handelsvertrag mit Österreich zu schließen. Wir können uns nur im Windschatten der geballten Marktmacht der EU bewegen. Europa hat sich im Weg der wirtschaftlichen Zusammenarbeit geeinigt, war aber immer mehr als ein bloßes Handelsbündnis. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, wie viel Scheitern dem Erfolg voranging: Schon in den 1920ern versuchte die Pan-Europa-Bewegung einen Staatenverbund zustandezubringen, ohne Erfolg. Die Franzosen bestanden darauf, dass ein vereintes Europa im Schatten des Völkerbundes entstehen müsste. Dieser galt bei den Kriegsverlierern jedoch als Institution der Sieger und als Papiertiger. Die „Vorarlberger Landeszeitung“ bedauerte 1930, dass „die an sich gesunden und höchst wichtigen Ideen einer wahren europäischen Gemeinschaft und eines wahren Bundes aller Nationen hier zu eigenen Zwecken einzelner Länder mißbraucht werden“. Das europäische Projekt dem Völkerbund anzuvertrauen, würde nichts anderes bedeuten, „als den fruchtlosen Bürokratiebetrieb von Genf um eine neue Unterkommission zu bereichern“. Doch nicht einmal daraus wurde etwas.

Europa als politische Kampfzone

Einen Weltkrieg später ging man wieder an die Gründung einer Europäischen Union. Die Sowjets aber blockierten eine Zusammenarbeit über den Eisernen Vorhang hinweg. Die VN appellierten 1948, die Sowjets sollten den Europäern erlauben, „dass wir uns versöhnen“. Schließlich hätte die damalige Supermacht „von einem geeinten Europa nichts zu befürchten“. Eine Weisheit, die bis heute nicht nach Moskau durchgedrungen ist. Die EU ist weit davon entfernt perfekt zu sein, das sind Vorarlberg und Österreich auch. Sie ist aber nach wie vor der beste Garant dafür, dass Europa eine politische Kampfzone bleibt und nie wieder eine militärische wird.

Die Vorarlberger Nachrichten erkannten schon vor 72 Jahren: „Es muss erlaubt werden, daß diese europäische Union gegründet wird. Es muß sein.“

Moritz Moser stammt aus Feldkirch, lebt und arbeitet als Journalist in Wien. Twitter: @moser_at