Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Kummer

Vorarlberg / 06.01.2020 • 17:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Natürlich hatte die Frau Grund für Kummer, weil sie ihr Mann verlassen hatte, aber das rechtfertigte noch lange nicht, dass sie ihren Sohn, der jede zweite Woche bei ihr wohnte, so schikanierte. Die Schikane bestand darin, dass, wenn er nach einer Vaterwoche zu ihr in die Wohnung kam, sie ihn sofort ins Bad schob, von ihm verlangte, er solle alle seine Sachen ausziehen und auf einen extra Haufen werfen. Dann solle er die Sachen zusammen mit Waschpulver in die Trommel einfüllen und die Maschine einschalten und nach Beendigung des Waschgangs das Ganze noch einmal wiederholen, weil es der Frau so sehr vor ihrem ehemaligen Mann grauste. Der Sohn befolgte ihre Anweisungen, legte sich in die Badewanne, wusch sich zweimal die Haare und seifte sich zweimal kräftig ab. Die Mutter öffnete die Badezimmertür einen Spalt und warf ihm ein Handtuch und frische Wäsche hinein.

„Der Vater gab ihm keine Anweisungen, der Sohn kaufte für ihn ein, und der Vater zählte das Geld nicht nach.“

Die Woche bei seinem Vater war dem Sohn viel lieber. Der Vater gab ihm keine Anweisungen, der Sohn kaufte für ihn ein, und der Vater zählte das Geld nicht nach. Jedes Mal nahm sich der Vierzehnjährige eine Flasche Wodka, die er in seiner Schultasche versteckte. Das brauchte er, sonst war sein Leben nicht auszuhalten. Die Lehrer in der Schule fanden ihn ein wenig seltsam, aber sie wussten nicht warum. Sie kontaktierten die Mutter und die sagte, sie habe nur die halbe Verantwortung, sie sollen mit seinem Vater reden. Zeit verging. Irgendwann kam der Bub wieder beim Vater an, lange öffnete er nicht, und dann erschien er im Pyjama, in der Wohnung war Chaos, überall Wäsche und dreckiges Geschirr. Der Vater hatte seinen Job verloren. Der Sohn traute sich nicht, seinen Vater um Geld zu fragen, er hatte ihm versprechen müssen, mit einem Schwur, dass er  nichts über die Arbeitslosigkeit verraten werde.

Bei der Mutter dann sagte der Sohn, er brauche Geld für die Projektwoche, und die Mutter antwortete, sie habe nichts, da sei sein Vater zuständig.

Er flanierte im Park und ein Obdachloser gab ihm aus seiner Schnapsflasche, das tat gut, er fror nicht mehr.

Eine Lehrerin sah ihn und ging zum Direktor, der wiederum suchte seine Mutter auf, die ihm die Adresse des Vaters gab. Der Vater reagierte nicht auf das Läuten. Da wurde die Tür aufgebrochen und sie fanden den Vater abgemagert im Bett liegen, sie rissen die Fenster auf, um frische Luft hereinzulassen. Der Vater wurde in ein Krankenhaus eingeliefert.

Es blieb der Mutter nichts anderes übrig, als den Sohn ganz bei sich aufzunehmen. Wenigstens würde er jetzt nicht mehr nach seinem Vater riechen.

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.