Ist das Glück, Mama?

Vorarlberg / 14.01.2020 • 18:25 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

„Ist das Glück, Mama, dass wir laufen können und keine Schmerzen haben?“

„Was redest du da, mein Liebling!“, sagte die Mutter. „Wie kommt ein Kind in deinem Alter auf so einen Unsinn?“

„Es ist nicht normal, dass wir gesund sind“, sagte Ferdinand, „das hat die Tante gesagt, deshalb müssen wir dankbar sein.“

„Wie heißt die Tante? Mit der will ich ein Wörtchen reden.“

„Mama, das ist die, die aus unseren Zeichnungen die Bücher bindet, die du so gern hast.“

„Trotzdem will ich mit ihr reden, wie kommt die auf die Idee, euch Kinder durcheinander zu bringen.“

„Weißt du, Mama, der Philipp ist von der Leiter gefallen, und jetzt ist er lahm, er kann seine Beine und seine Arme nicht mehr bewegen, er ist wie eine Puppe, die nur den Mund auf- und zumachen kann. Vielleicht muss er bald sterben, und dann kommt er in das Grab.“

„Schluss jetzt!“ Die Mutter ging im Zimmer auf und ab, warf die Haare zurück, die in der Sonne loderten, vom offenen Fenster her wehte ein feines Lüftchen.

„Mama“, sagte Ferdinand, „kann uns auch das passieren?“

„Natürlich nicht. Das passiert uns nicht. Wir sind gesund, dein Papa, du und ich, wir haben ein langes glückliches Leben vor uns.“

„Versprichst du mir das, Mama?“

Die Mutter sagte nichts. Sie nahm ihren Ferdinand in die Arme und drückte ihn.

Sie weiß nicht, was sie sagen soll, dachte sich Ferdinand, deshalb sagt sie nichts und nimmt mich nur in den Arm.

„Aber wenn doch“, sagte Ferdinand sehr leise, „wenn doch Mama, wenn wir uns weh tun und sterben müssen?“

Die Mutter zog ihrem Sohn wortlos die Schuhe an, den Anorak, sich den Mantel und die Stiefel.

„So, wir zwei gehen jetzt in die Stadt und kaufen uns etwas Schönes? Was hast du für einen Wunsch, mein Liebling?“

„Etwas, das man sich nicht wünschen kann, dass Philipp wieder gesund wird“, sagte Ferdinand und drückte die Augen zu.

So ging das weiter mit dem traurigen Ferdinand. Er hatte Angst vor seinem Leben, hatte Furcht, wenn er die Straße überquerte, hatte Sorge, seine Mutter könnte auf der Treppe ausgerutscht sein und läge im Krankenhaus.

Seine Schritte wurden zaghaft und klein. Ein Trippeln. Nichts konnte ihn ablenken.

„Wir gehen mit ihm zum Arzt“, sagte der Vater.

„Und vom Kindergarten wird er abgemeldet“, sagte die Mutter.

„Als ob das die Lösung wäre.“

Der Vater fuhr mit Ferdinand zu einem Freund, der als Psychologe arbeitete. Der redete mit Ferdinand, und dann beglückwünschte er seinen Vater zu Ferdinand.

„Seid vorsichtig mit ihm, er ist ein empfindsames Kind.“

„Seine Schritte wurden zaghaft und klein. Ein Trippeln. Nichts konnte ihn ablenken.“

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.