Herumgemosert: Österreich im Jahr 2020

Vorarlberg / 18.01.2020 • 11:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
APA
Moritz Moser

Im Jahr 1888 veröffentlichte der US-Amerikaner Edward Bellamy den viel beachteten utopischen Roman „Looking Backward or Life in the Year 2000“. Bellamy beschrieb darin eine ideale kapitalistische Gesellschaft, in der dennoch alle für das Gemeinwohl arbeiten. Der Österreicher Josef von Neupauer legte mit dem Buch „Oesterreich im Jahre 2020“ einen Gegenentwurf vor, mit dessen Hilfe er Bellamys Romanhelden und das Publikum zu seiner Version des Kommunismus bekehren wollte. In Herrn von Neupauers 1893 erschienenen Roman müssen Ausländer für jeden Tag Aufenthalt eine Gebühr entrichten, dafür werden sie mit allem versorgt. Denn: In Österreich selbst gibt es kein Geld mehr. Außerdem wurde die Bevölkerung gleichmäßig über das ganze Land verteilt, weshalb Wien nur noch 350.000 ständige Einwohner hat. Essen und Theaterbesuche sind, ganz im Sinne des Kommunismus, kostenlos.

Vor allem die im Roman geschilderten Zukunftsvisionen fanden Anklang. Eine Rezension der Zeitschrift „Freie Stimme“ berichtete beispielsweise über „Kaiser Franz Ferdinand, der bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts“ regieren sollte. Außerdem wurde der fürchterlichste Krieg, „den die Welt je gesehen“ habe, vorausgesagt. Nach dessen Ende werde Österreich von Kaiser Franz Joseph in ein kommunistisches Paradies verwandelt werden, indem der Staat über alle Wirtschaftsmittel verfüge, die zuvor „in den Händen einer tollen Plutokratie“ lagen. Um Überbevölkerung zu verhindern, darf sich in der Bevölkerung des „communistischen Kaiserthums Oesterreich“ nur fortpflanzen, wer nach ärztlicher Untersuchung für tauglich befunden wurde. In jedem größeren Ort gibt es Telefone und überall kostenlose Bibliotheken, die aus den Mitteln finanziert werden, die durch ein allgemeines Rauchverbot frei wurden. „Oesterreich war einstens das gesegnete Land der Raucher“, schrieb der Autor nicht ganz unzutreffend. Für die Raucherpartei FPÖ wäre das Roman-Österreich des Jahres 2020 wohl eine wahre Horrorvorstellung: Die einzigen, die noch rauchen dürfen, sind Ausländer.

Einige Widersprüchlichkeiten amüsieren aus heutiger Sicht: So prophezeit der Autor sowohl das Ende des Privateigentums und die Gleichstellung aller Bürger als auch die Beibehaltung der Monarchie und des Adels. Die Habsburger treten vor allem als „Hüter des feinen Tons und der guten Sitten“ auf. Wie Bellamy, der die Einführung der Kreditkarte voraussagte, landete aber auch Josef von Neupauer einen prophetischen Treffer: Im Jahr 2020 bildeten, so berichtete die „Freie Stimme“ vor 127 Jahren über den Roman, „alle europäischen Staaten, mit einziger Ausnahme Englands, eine ,Union‘“.