Alarmglocke schrillt

Vorarlberg / 19.01.2020 • 19:44 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Arbeitsinspektorat kämpft mit Personalnot.

BREGENZ Sabine Krenn zu erreichen, ist dieser Tage schwer. „Ich bin heute die Einzige, die im Amt ist“, erklärt sie im VN-Interview. Sie schlägt Alarm, dass das Arbeitsinspektorat aufgrund der Personaleinsparungen der vergangenen Jahre die anstehende Arbeit nicht mehr fristgerecht verrichten könne.

 

Welche Aufgaben hat das Arbeitsinspektorat überhaupt?

Krenn Das Arbeitsinspektorat ist ein Aufsichtsorgan für die Einhaltung des Arbeitsschutzes. Es ist in Österreich aufgrund des Arbeitsinspektionsgesetzes etabliert. Hintergrund ist unter anderem das ILO-Übereinkommen (International Labour Organization), worin sich Österreich verpflichtet, so ein unabhängiges Aufsichtsorgan einzurichten. Die Arbeitsinspektion hat drei Standbeine: Die Besichtigung von Arbeitsstätten vor Ort, wobei uns das Arbeitsinspektionsgesetz ein umfassendes Zutrittsrecht einräumt, außerdem die Beratung und die Teilnahme an Genehmigungsverhandlungen.

 

Wie sieht die Personalsituation momentan aus?

Krenn Die Mindestanzahl der Besichtigungen pro Jahr richtet sich nach dem Vollbeschäftigtenäquivalent. Die anderen Bereiche, etwa Beschwerden und Genehmigungsverfahren, werden von außen an uns herangetragen. Inzwischen sind wir noch weniger Mitarbeiter geworden. Im Jänner 2016 waren wir noch 21 Personen – Amtsleitung, 14 Personen im Außendienst und sechs in der Kanzlei. Jährlich wurden es immer weniger. Im Februar dieses Jahres werden es gerade noch Amtsleitung plus acht Personen im Außendienst und drei in der Kanzlei sein.

Was hat die Reduzierung von Personal zur Folge?

Krenn Es gab in der vergangenen Regierung ganz strikte Nachbesetzungsvorgaben. Und nachdem wir so wenige waren, sind wir Ende 2019 sogar in die Nachbesetzungsphase gekommen, nur ist das Ausschreibungsprozedere sehr komplex und langwierig. Überall, wo es Personalmangel gibt, führt dies zu einer Arbeitsverdichtung, was bei einzelnen Mitarbeitern eine Arbeitsüberlastung zur Folge hat. Diverse Dinge können dann einfach nicht mehr erledigt werden. Zum Beispiel können nicht mehr alle Verhandlungen besetzt werden. Akten, Beschwerden oder Anfragen, die hereinkommen, können nicht mehr rechtzeitig beantwortet werden.

 

Hat das auch für Arbeitnehmer Konsequenzen?

Krenn Natürlich. Folgen werden sich nicht vermeiden lassen. Zwar haben die Vorarlberger Unternehmen aktuell eigene Arbeitsschutzsysteme, Sicherheitsfachkräfte und arbeitsmedizinische Betreuung, aber selbstverständlich werden ein längerfristiger Personalmangel beim Arbeitsinspektorat und demzufolge weniger Kontrollen Auswirkungen haben.

 

Gab es – wie vielfach befürchtet – viele Beschwerden bezüglich des 12-Stunden-Tages?

Krenn Wir hatten ursprünglich befürchtet, dass der 12-Stunden-Tag viel massiver in Anspruch genommen wird. Es gab ja vorher schon Branchen, wie die Gastronomie, wo das ausgenutzt wurde und die das nach wie vor nutzen. Bisher hatten wir keine Beschwerden. Aus unserer Erfahrung nutzt die Industrie den 12-Stunden-Tag kaum.

 

Die vergangenen zwei Jahre hatte Vorarlberg keinen Arbeitsmediziner. Gibt es mittlerweile einen?

Krenn Wir haben den Arbeitsmediziner verloren. Der wird auch nicht mehr nachbesetzt werden. Vorarlberg wird derzeit von Tirol aus betreut. Seit letztem Jahr hat sich die Situation nicht geändert. Die Arbeitsmedizinerinnen in Tirol sind nach wie vor in Ausbildung, so dass Vorarlberg von einer Kollegin aus Wien betreut wird, die einmal pro Quartal kommt. Wir sammeln die Fälle bis zu dem nächsten Termin im Frühling.

 

Was erhoffen Sie sich von der neuen Regierung?

Krenn Mit der neuen türkis-grünen Regierung ist das Arbeitsinspektorat aus dem Sozialministerium herausgelöst worden. Der ganze Arbeitsbereich, inklusive Arbeitsmarkt und Arbeitsschutz, ist nun bei Arbeit, Jugend und Familie angesiedelt. Mir ist noch kein Programm bekannt und es ist noch nicht ausgehandelt, wie das operativ ablaufen soll. Wir sind im Moment völlig in der Schwebe, was Aus- und Weiterbildung oder auch das Budget betrifft. VN-MIH

„Diverse Dinge können dann einfach nicht mehr erledigt werden.“