Der Indianer aus der Vorstadtsiedlung

Vorarlberg / 21.01.2020 • 12:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Wenn Jacinto jetzt mit den Chihuahuas Gassi geht, grüßt ihn jeder freundlich. HRJ

Warum der Metal-Musiker Jacinto Garcia Martinez österreichische Volksmusik mag.

Heidi Rinke-Jarosch

BREGENZ Chihuahuas sind zwar sehr klein, aber bellen können sie sehr laut. Roxy und Ponchito bekläffen besonders gern Besucher. Jacinto Garcia Martinez beruhigt die aufgeregten Zwerghunde, die sich daraufhin knurrend aufs Wohnzimmersofa verkrümeln. Dann stellt Jacinto den Fernseher leise. Er hat sich gerade eine TV-Ansprache des mexikanischen Präsidenten Andrés Manuel López Obrador angehört. Obrador ist beliebt bei den indigenen Völkern Mexikos, weil er versprochen hat, ihnen mehr Rechte zu verschaffen, um somit ihre miese soziale Lage verbessern zu können.

Indigener Mexikaner

Jacinto Garcia Martinez ist ein indigener Mexikaner. Er stammt vom Volk der Hñähñü – auch Otomí genannt – ab. Die Hñähñü zählen zu den ersten Siedlern in Mexiko. Sie wurden später von den Azteken verdrängt und schließlich von der spanischen Kolonialherrschaft assimiliert und christianisiert. Jacinto ist katholisch und seine Muttersprache ist Spanisch. Er spricht auch die Indigenen-Sprache Ha:nHu. Und seit er in Österreich lebt, lernt er Deutsch.

„Die Situation war ein bisschen schwierig, aber es gibt für jedes Problem eine Lösung.“

Jacinto Garcia Martinez

Als Jacinto Garcia Martinez im August 1982 zur Welt kam, erklärte Mexikos Regierung aufgrund einer schweren Wirtschaftskrise den Staatsbankrott. Jacinto wuchs mit Vater, Mutter und einer älteren Schwester in Toluca de Lerdo auf, eine rund 480.000-Einwohner-Stadt rund 65 km südwestlich von Mexico City. Nach neun Grundschuljahren begann Jacinto als Maurergehilfe zu arbeiten. In seiner Freizeit bewegte er sich in der Metal-Musik-Szene. 18-jährig gründete Jacinto mit Freunden die Metal-Band Icxitonttli. Er spielt Gitarre, Schlagzeug und Keyboard.

Die Metal-Musik führte ihn mit Conny zusammen. Jacinto lernte die Bregenzerin vor vier Jahren via Facebook kennen. „Sie ist ein Metal-Fan, darum sendete ich ihr eine Freundschaftsanfrage“, erinnert er sich. Aus den ersten Likes entwickelte sich zwischen den fast 10.000 Kilometer voneinander entfernt lebenden zwei Menschen eine virtuelle Liebesbeziehung.

„Im Jänner 2017 kam Conny nach Mexiko. Wir wollten heiraten.“ Doch so schnell ging das nicht. Die mexikanische Behörde befand, dass die österreichischen Dokumente nicht vollständig waren. Ein paar Wochen später hatte das Paar alles beisammen. Im Mai 2017 fand die Hochzeit in Toluca statt. Die Österreicherin wurde von Jacintos Familie mit offenen Armen aufgenommen: „Das ist normal bei uns in Mexiko“, sagt Jacinto. „Gastfreundschaft ist Teil unserer Kultur.“

Hier, in Vorarlberg, sei das anders, räumt er ein. „Die Menschen sind hier nicht so offen gegenüber Fremden.“ Das habe er gespürt, nachdem er zwei Wochen nach der Hochzeit zu Conny in die Wohnsiedlung in Bregenz-Vorkloster einzog. Anfangs habe man ihm auf der Straße nachgeschaut, „weil ich indianisch aussehe. Doch wenn ich jetzt mit den Chihuahuas Gassi gehe, grüßt mich jeder freundlich und oft kommt es auch zu Gesprächen.“ Die Nachbarskinder nennen ihn übrigens „Indianer“.

Connys Familie habe ihn hingegen herzlich aufgenommen, betont Jacinto. Vor allem deswegen sei es ihm leichtgefallen, sich in der neuen Heimat wohlzufühlen. Sein altes Leben in Mexiko vermisst er nicht, stellt er klar, aber seine Tochter fehle ihm schon. Sie ist 15. „Wir haben aber jeden Tag Kontakt“, sagt er. „Und sie wird mich bald besuchen kommen.“

Erstaunt haben ihn allerdings einheimische Ernährungsgewohnheiten. Mit Kässpätzle hat er sich mittlerweile angefreundet. Aber mit dem hohen Fleischkonsum sowie den kalten Mahlzeiten hat er es nicht so. „In Mexico isst man immer Warmes. Zum Frühstück, beispielsweise, gibt es Taco.“ Mittlerweile stehen auf dem Speiseplan der Garcias mehr mexikanische als österreichische Gerichte.

Eine schwierige Zeit durchlebte Jacinto 2018. Seine Frau erkrankte schwer und musste mehrere Wochen im Krankenhaus behandelt werden. Jacinto war auf einmal auf sich allein gestellt. Er schupfte den Haushalt und versorgte die vierbeinigen Mitbewohner Roxy und Ponchito sowie die Katzen Freddy Senior und Freddy Junior. „Die Situation war zu Beginn ein bisschen schwierig, aber es gibt für jedes Problem eine Lösung“, meint er und lacht.

Gut für die Seele

Jacinto übernimmt weiterhin die Hausmannstätigkeit, weil seine Frau einem Fulltimejob in der Schweiz nachgeht. Die beiden haben vor, demnächst ein Geschäft zu eröffnen, in dem Produkte aus seinem Herkunftsland vertrieben werden.

Metal-Musik macht Jacinto Garcia Martinez auch hier, ohne seiner Band halt. Zudem hört er gern österreichische Volksmusik. Wie das denn, bitte? „Die Harmonie dieser Art Musik vermittelt mir positive Gefühle“, antwortet er. „Das ist gut für die Seele.“