Unsere Klienten sind oft Querdenker

Vorarlberg / 21.01.2020 • 17:02 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Für Susanne Ebner ist Reflektion über den Berufsalltag eine unabdingbare Voraussetzung, um proaktiv auf die Klienten eingehen zu können.
Für Susanne Ebner ist Reflektion über den Berufsalltag eine unabdingbare Voraussetzung, um proaktiv auf die Klienten eingehen zu können.

Susanne Ebner ist Bereichsleiterin bei der Aqua Mühle.

Frastanz Susanne Ebner hat ein herausforderndes Aufgabengebiet zum Beruf gewählt: Sie führt die Bereichsleitung für psychiatrische Wohngemeinschaften bei der AQUA Mühle in Frastanz. „Bei uns gibt es prinzipiell zwei Arbeitsbereiche: Das eine ist Betreuung, hierfür stehen elf Plätze zur Verfügung. Es ist ein Langzeitbereich, bei dem versucht wird, Menschen eine Heimat zu geben und Verwurzelung erfahren zu lassen. Dieser Bereich fasst auch Pflegebedürftigkeit mit ein. Der wesentlich größere Bereich ist das Coaching. Diese Einrichtung ist als Reha-Maßnahme zu verstehen, eine nachhaltige Verbesserung des Gesundheitszustands solle erreicht werden. Die Verweildauer der Klienten ist hier kürzer“, erläutert Ebner.

Offener Umgang

Es sind Menschen mit unterschiedlichsten psychischen Erkrankungen, die in der AQUA Mühle betreut werden. Wobei Susanne Ebner betont, dass die Menschen begleitet und gecoacht werden, das Wort „betreut“ sei für sie missverständlich. Bei den Krankheitsbildern sind vor allem Schizophrenien, Persönlichkeitsstörungen, Krankheiten aus dem Autismus-Spektrum, Depressionen und ADHS vertreten, einziges Ausschlusskriterium sind Suchterkrankungen, hierfür sind andere Beratungsstellen zuständig. „Psychische Erkrankungen kommen in allen Gesellschaftsschichten vor. Glücklicherweise wird in den letzten Jahren offener mit so einer Diagnose umgegangen. Die Stigmatisierung in der Gesellschaft sinkt“, führt die Gesundheitsfachfrau weiter aus.

Ein ganzheitlicher Aspekt sei in der Begleitung vorrangig, ein personenzentrierter Ansatz werde verfolgt. „Wir sind bemüht, auf jeden einzelnen Klienten sehr individualisiert und persönlich einzugehen. Hauptzuweiser ist das LKH Rankweil, aber auch andere Institutionen und Hausärzte raten Menschen in Notlagen, sich an uns zu wenden. Manchmal kommen auch Leute aus eigenem Antrieb. Wir führen dann ein Gespräch vor Ort oder bei uns, eruieren den Hilfebedarf und wägen ab, ob der Klient bei uns richtig ist bzw. ob wir ihm mit unserem Angebot tatsächlich helfen können. Das wird gemeinsam mit dem jeweiligen Klienten entschieden“, so Ebner.

In der Begleitung wird auf drei Schwerpunkte gesetzt: Einzelcoaching, in diesem teils intensiv gesetzten Rahmen werden die Ressourcen der Person in systemischer Arbeit (wieder)entdeckt und Handlungsziele vereinbart, und die Soziotherapie, das ist das Üben von sozialen Kompetenzen, die über das Kochen, Waschen und Putzen hinausgehen, hierbei wird die Selbstfürsorge gestärkt. „Als dritter Punkt kann die Errichtung einer klaren Tagesstruktur gesehen werden, das ist ganz wesentlich. Es gibt bei uns die unterschiedlichsten Möglichkeiten – von einem niederschwelligen Angebot, einem einfach Da-sein, bis hin zu Arbeitstrainingsangeboten als Vorbereitung für den Berufsalltag. Zusätzlich dazu gibt es Bewegungsgruppen, einen Kunstraum, Psychoedukation, Ausflugsgruppen, Beschäftigung im Garten, wir haben zwei Lamas und vieles mehr“, ergänzt sie das  Angebotsspektrum.

Der Berufsalltag fordert ein hohes Maß an Selbstmanagement von Susanne Ebner: „Es ist ein herausfordernder Job, der eine kritische Auseinandersetzung mit sich selber mit sich bringt. Ich bin ständig mit Lebensgeschichten konfrontiert, die bewegend, aber gleichzeitig hochspannend inspirierend sind. Unsere Klienten sind oft Querdenker. Sie sind ein Spiegel unserer Gesellschaft.“ BI

Zur Person

Susanne Ebner

Geboren 15. Juni 1973

Familie Lebensgemeinschaft, ein Sohn (Danny)

Beruflicher Werdegang Ausbildung Altenpflege, Sozialpädagogik, Case-Management, Sozial-Psychiatrie, Supervision, Organisationsberatung und Coaching

Hobbys Garten, Lesen, Sport