Mit nur 30 Jahren: Dem Kind in den Tod gefolgt

Vorarlberg / 22.01.2020 • 13:05 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Sandra Grabher musste jung sterben. Sie ging ihrem Sohn Joan nach. privat/apa

Eine krebskranke Frau brachte im Koma ihr Kind tot zur Welt. Zwei Tage später folgte sie ihrem Sohn nach.

Fußach Sie war jung und voller Pläne für ihr Leben. Mit ihrem Freund Andi wollte Sandra Grabher eine Familie gründen. Sie hatte vor, mindestens zwei Kindern das Leben zu schenken. Außerdem wollte sie mit ihrem langjährigen Partner ein Haus bauen. Der Bauplan war schon ausgearbeitet. „Sandi und Andi wollten heuer neben unserem Haus bauen“, verrät Mutter Erika und zeigt, wo das Haus der beiden stehen hätte sollen. Aber dort wächst jetzt bloß ein junger Baum in die Höhe. „Wir haben für Sandi an ihrem 31. Geburtstag einen Baum gepflanzt und hier einen Teil ihrer Asche verstreut.“ Mutter Erika (60) verliert die Fassung. Sie greift zu einem Taschentuch und wischt sich Tränen aus den Augen.

Ein letztes Adieu

Sandra starb fünf Tage vor ihrem 31. Geburtstag in der Uniklinik in Innsbruck. Sie war nicht allein, als sie am 16. Juli 2019 ihren letzten Atemzug tat. Die Menschen, die sie am meisten liebte, waren bei ihr. Andi, mit dem Sandra zwölf Jahre das Leben geteilt hatte, hielt ihre Hand. Mutter Erika und Stiefvater Helmuth (70) streichelten ihren Kopf. Der Mutter fiel auf, dass im Moment ihres Todes ein Sonnenstrahl auf die ineinander verschlungenen Hände des Paares fiel. „Das war ein letztes Adieu.“

Vier Monate vor ihrem Tod, im März, lud Sandra ihre Eltern und Schwiegereltern zum Essen ein. Andi und sie hatten ihnen eine freudige Nachricht zu verkünden. Mit leuchtenden Augen zeigte Sandra ihren Lieben das erste Ultraschallbild ihres Babys. Das Paar freute sich riesig auf den Nachwuchs. „Im Mai rief sie mich im Urlaubsort an und sagte, dass sie so glücklich sei und mit dem werdenden Kind alles in Ordnung sei“, erzählt Mutter Erika.

Ihr schmerzerfüllter Blick bleibt an einem Foto ihrer Tochter hängen. Es weckt bei ihr Erinnerungen an die gemeinsamen Jahre. „Sandi war ein lebendiges und fröhliches Kind, das mit Vorliebe in jede Pfütze rannte.“ Mit zehn veranstaltete das Mädchen mit ihren Freundinnen Modeschauen, ein erster Hinweis auf ihre spätere Berufung. Sandra schloss die Textilschule ab und besuchte anschließend eine Modeschule in München. „Sie hat die Schule als Jahrgangsbeste abgeschlossen und dafür die Goldene Nadel von der Schule bekommen“, zeigt ihr Stiefvater auf, wie begabt Sandra war. Bei der Firma Hanro konnte sie ihr Talent und ihre Kreativität unter Beweis stellen. Dort entwarf die Designerin mit Begeisterung Damenunterwäsche. „Sie war die Seele der Abteilung und unheimlich feinfühlig, hat an ihrem Arbeitsplatz Kekse verteilt und Seifenblasen aufsteigen lassen, wenn etwas nicht rund lief.“

Krebs hatte gestreut

Ihre Mutter fand es schön, dass Sandra über sich und ihre Fehler lachen konnte. „Einmal hat sie den Sahneboy zu früh geöffnet. Danach hatte sie den Schlagrahm im ganzen Gesicht. Sie ärgerte sich nicht, sondern lachte lauthals über ihr Missgeschick.“ Erika könnte noch viel Positives über ihre innigst geliebte Tochter sagen, zum Beispiel, dass sie immer für alle da war. „Als Sandi die Krebsdiagnose erhielt, war das Erste, was sie sagte: ,Ich brauche psychologischen Beistand, aber bitte für die Mama.“

„Sandi hat das Mutterglück noch gefühlt. Sie wusste auch, dass ihr Sohn tot zur Welt gekommen war.“

Mutter Erika Grabher

Nach einer Knochenmarkbiopsie kam heraus, dass Sandra an Brustkrebs litt. „Der Krebs hatte schon derart gestreut, dass sie keine Überlebenschance mehr hatte.“ Der Zustand der schwangeren Frau war so kritisch, dass die Ärzte sie in künstlichen Tiefschlaf versetzten. Am 14. Juli brachte Sandra im Koma ihren Sohn Joan zur Welt. „Sie hat das Mutterglück noch gefühlt“, ist sich ihre Mutter sicher, „Sandi wusste auch, dass Joan tot zur Welt kam. Ab da ging es mit ihr rapide abwärts.“ Sandra folgte ihrem Sohn zwei Tage später in den Tod und hinterließ viele trauernde Menschen. Ihre Mutter ist bis heute untröstlich. In lichten Momenten stellt sie sich vor, dass ihre Tochter auf einer Blumenwiese mit ihrem Enkel Joan spielt.