„Ein Schlussstrich lässt sich nie ziehen“

Vorarlberg / 22.01.2020 • 21:26 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Stahl und dickes Glas. Eine Sicherheitsbarriere schützt jetzt die Sozialabteilung.

Stahl und dickes Glas. Eine Sicherheitsbarriere schützt jetzt die Sozialabteilung.

Mit dem Drama könne nie endgültig abgeschlossen werden, sagt ein Freund des Opfers.

Dornbirn Der Tag der Urteilsverkündung nach der schrecklichen Bluttat an der BH Dornbirn. Die Eingangskontrolle ist streng. Sogar der Gürtel muss weg, ehe Zutritt gewährt wird. Im zweiten Stock wartet der Chef, Bezirkshauptmann Helgar Wurzer (61). „Der Tag des Urteils lässt natürlich alles noch einmal hochkommen. Das wird auch der Jahrestag der Tat, am 6. Februar, nicht anders“, weiß Wurzer. Jene sieben Mitarbeiter, die vor Gericht aussagen mussten, haben frei. Während die einen den Schlusstag des Prozesses mitverfolgen, erholen sich die anderen einfach nur. „Der Auftritt vor Gericht hat sie sehr belastet. Er war im Vorfeld wie ein Rucksack. Jetzt haben sie das hinter sich“, schildert der sehr einfühlsame Chef die Situation seiner Mitarbeiter.

Die Erinnerungen

Die Sozialabteilung im dritten Stock ist am Mittwoch spärlich besetzt. Auch die neue Leiterin befindet sich am Landesgericht. Beim Empfang, der seit der Bluttat mit einer Sicherheitsbarriere versehen ist, hat die junge Mitarbeiterin wenig zu tun. Angst habe sie nicht wirklich. „Und wenn jemand unangenehm ist, bin ich hier ja in Sicherheit“, meint sie lächelnd.

Mit dem Bezirkshauptmann betreten wir das Büro, in dem Alexander A. arbeitete und starb. Es sieht dort auch jetzt nach Arbeit aus. Akten liegen herum, am Sims vor jenem Fenster, das den Blick auf den Kulturhauspark frei gibt, ist ein gerahmtes Bild von Alexander A. aufgestellt. Man will sich nicht vorstellen, was in diesem Zimmer vor knapp einem Jahr passiert ist. „Hier ist der Täter herein, dort ist er auf unserem Sozialamtsleiter los“, zieht Wurzer mit der Hand eine imaginäre Linie.

Hermann Petrik* betritt den Raum. Er arbeitete mit Alexander A. in der Sozialabteilung zusammen. „Wir waren mehr als nur Arbeitskollegen. Wir waren Freunde“, sagt er mit bedrückter Stimme. „Natürlich wühlt ein Tag wie dieser wieder alles auf. Ein wirklicher Schlussstrich unter diese Sache lässt sich aber ohnehin nie ziehen“, beschreibt Petrik seine Gefühlswelt. Seit 13 Jahren arbeitet er in der Sozialabteilung, hat schon einiges erlebt. Auch, dass es laut wird. „Wenn‘s das jetzt gelegentlich tut, kommen sofort die Erinnerungen hoch.“

Gedenktafel

Claudia Mathis * kann sich am heutigen Tag nicht wirklich konzentrieren. „Ich verfolge die Liveberichterstattung vom Prozess.“ Gerne würde sie in der Sozialabteilung arbeiten und Menschen helfen, erzählt Mathis. Es komme trotzdem immer wieder vor, dass Leute unangenehm werden. „Seit diesem schrecklichen Tag lasse ich dann immer eine Tür zum Nebenzimmer offen.“ Claudia Mathis war an jenem verhängnisvollen Tag nicht im Büro. Darüber ist sie froh.

Dieses Glück hatten sieben der insgesamt 15 Kolleginnen und Kollegen, die in der Sozialabteilung der BH Dornbirn beschäftigt sind, an jenem 6. Februar des Vorjahres nicht. Sie mussten direkt oder indirekt die schreckliche Bluttat miterleben. „Zwei Kollegen haben das letztlich nicht verkraftet. Sie waren so traumatisiert, dass sie später den Dienst quittierten“, berichtet Helgar Wurzer.

Für die KollegInnen des Opfers gibt es bald einen weiteren emotional belasteten Tag zu überstehen: den 6. Februar, der Jahrestag des Verbrechens. „Wir werden an diesem Tag etwas Spezielles für unseren getöteten Kollegen machen“, verspricht Wurzer. Fix ist: Es wird eine Gedenktafel im Gang des dritten Stockes angebracht.

Das ist der Wunsch der Angehörigen. Diese wollten eigentlich dem Schlusstag des Prozesses beiwohnen. Sie konnten es nicht. „Es geht ihnen ganz schlecht“, war aus dem Umfeld der Familie zu vernehmen.

*Namen von der Redaktion geändert

Bezirkshauptmann Helgar Wurzer schaut gut auf seine Mitarbeiter.
Bezirkshauptmann Helgar Wurzer schaut gut auf seine Mitarbeiter.
Das ist der Tatort vom 6. Februar des Vorjahres. Der Sozialabteilungsleiter hatte gegen den brutalen Angreifer keine Chance.
Das ist der Tatort vom 6. Februar des Vorjahres. Der Sozialabteilungsleiter hatte gegen den brutalen Angreifer keine Chance.