Zugstau

Vorarlberg / 24.01.2020 • 19:09 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Zug „NJ 50490“ ist in Brüssel ein großer Bahnhof bereitet worden. Er hatte quasi eine Jungfernfahrt hinter sich gebracht: Es war der erste „Nightjet“ der Moderne, der eine direkte Verbindung zwischen Wien und der EU-Hauptstadt herstellt. ÖBB-Chef Andreas Matthä und die Mitreisenden, darunter zahlreche Abgeordnete, wurden Montagvormittag mit Pauken und Trompeten begrüßt.

Ja, es wirkte ein bisschen wie aus der Zeit gefallen. Andererseits: In Anbetracht des Klimawandels erfährt auch das Fahrrad eine Renaissance. Und die Bahn hat ähnliche Vorzüge: Mit ihr ist man emissionsarm unterwegs. Laut ÖBB beträgt der CO2-Ausstoß pro Passagier beim erwähnten Nachtzug 40 kg. Beim Flugzeug wären es mehr als 400 kg.

Von daher ist die Sache klar: Weniger fliegen, mehr Bahn fahren. Wenn da nur nicht die Nachteile wären, die verdeutlichen, was uns allen noch bevorsteht, bis wir endlich davon reden können, echten Klimaschutz zu betreiben: Nachtzug „NJ 50490“ verlässt Wien um 20.38 Uhr und ist am nächsten Tag um 10.55 Uhr in Brüssel.

Gerade für die klassischen Pendler auf dieser Strecke ist das unzumutbar lang. Sprich: Es ist schwer vorstellbar, dass Othmar Karas, Andreas Schieder und Johannes Hahn ab sofort nicht mehr fliegen, sondern nur noch Bahn fahren, um hier beispielhaft drei prominente Österreicher auf europäischer Ebene zu nennen.

Die geplante Erhöhung der Flugticketabgabe wird sie, aber auch ganz gewöhnliche Leute, sicher nicht umstimmen: Laut türkis-grünem Regierungsprogramm wird sie eine Preiserhöhung von weniger als zehn Euro auslösen. Das ist lächerlich.

ÖBB leisten Großes

Den ÖBB ist kein Vorwurf zu machen. Im Gegenteil: Sie leisten hier geradezu Pionierhaftes und zeigen nebenbei den Handlungsbedarf auf. Konkret: Theoretisch könnte der Nachtzug viel schneller sein. Überlastete Netze in Deutschland und die Notwendigkeit, auf dem Weg nach Belgien die Lokomotive zu wechseln, machen das jedoch unmöglich.

Dieses Problem betrifft nicht nur den Personenverkehr: Es gilt genauso für den Güterverkehr. Er erfährt Wettbewerbsnachteile gegenüber der Straße, weil Lokomotiven an vielen Grenzen ausgetauscht werden müssen und es unterwegs immer wieder zu Staus bzw. Kapazitätsengpässen kommt. Das kostet Zeit. Und Zeit ist Geld. Europa ist hier eben zu sehr im 19. Jahrhundert stecken geblieben. Das rächt sich.

Baustelle Brennerbasistunnel

Nicht, dass es gar keine Bemühungen geben würde, dagegen vorzugehen. Siehe Brennerbasistunnel. Auch bei dieser Geschichte gibt es jedoch einen Haken, den die „Süddeutsche Zeitung“ ganz brutal zusammengefasst hat: „Tirol baut, Bayern bremst.“ Soll heißen: Wenn der 64 Kilometer lange und voraussichtlich über neun Milliarden Euro teure Tunnel 2028 in Betrieb geht, kann er leider nicht voll genutzt werden. Grund: unzureichende Zulaufstrecken in Bayern.

„Bei der Eisenbahn ist Europa zu sehr im 19. Jahrhundert stecken geblieben. Das rächt sich.“

Johannes Huber

johannes.huber@vn.at

Johannes Huber betreibt die Seite dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik.