„In unserer Familie gibt es kein Aufgeben“

Vorarlberg / 26.01.2020 • 18:49 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Familie Tagwercher hält fest zusammen: Sandra mit ihren Kindern Ian, Kim und Alexa, mit Mutter Andrea und ihrem Stiefvater Roland. VN/Stiplovsek
Familie Tagwercher hält fest zusammen: Sandra mit ihren Kindern Ian, Kim und Alexa, mit Mutter Andrea und ihrem Stiefvater Roland. VN/Stiplovsek

Sandra (33) ist chronisch krank. Mit Hilfe ihrer Angehörigen stemmt sie den Alltag.

Meiningen Heute ist für Sandra Tagwercher ein guter Tag. Denn: „Ich konnte am Morgen aufstehen. Dann bin ich schon so glücklich, dass ich alle anderen Probleme vergesse.“ Die rheumakranke 33-Jährige weiß nie, wie es ihr am nächsten Tag gesundheitlich geht. „Rheuma ist eine Lotterie. Kein Tag ist gleich. Manchmal schaffe ich es nicht einmal allein aufs WC oder mir die Haare zu kämmen.“ Aber an Tagen wie heute könnte sie sogar einkaufen gehen.

Die chronisch entzündliche Gelenkerkrankung bestimmt seit ihrem 7. Lebensjahr ihr Leben. Es begann mit Schmerzen in den Knien. Zunächst wusste niemand, warum das Kind Schmerzen hatte und an Gewicht verloren hatte. Als endlich die Diagnose Rheuma gestellt wurde, war die Familie überrascht. „Wir wunderten uns, weil wir dachten, dass diese Erkrankung nur alte Leute haben.“ Ab da hieß es: „Auf Sandra müsst ihr achtgeben. Sie ist krank.“

Körperliche Einschränkungen

Sie selbst fühlte sich nicht krank. „Mein Kopf war der Meinung, dass ich eh alles kann.“ Dem war aber nicht so. Sandra durfte zum Beispiel nicht Skifahren gehen. Auch auf Bäume klettern konnte sie als Mädchen nicht, da sich Finger und Zehen bereits zu verformen begonnen hatten. Wenn die Klassenkameraden im Turnunterricht Liegestützen machten oder Taue hinaufkletterten, konnte Sandra ihnen bloß zuschauen, weil sie weder die Kraft noch die Beweglichkeit für derlei Turnübungen besaß.

Am Schulwandertag blieb Sandra meistens zuhause. „Einmal ging ich mit. Meine Mama nahm mich Huckepack und trug mich durch den Wald.“ Später zerplatzte wegen der Krankheit einer ihrer Lebensträume. „Ich wollte Bürokauffrau werden. Als ich dem Lehrherrn von meiner Krankheit erzählte, zerriss er vor meinen Augen den Lehrvertrag. Das war hart für mich.“ Die junge Frau ließ sich aber nicht entmutigen und begann eine Lehre zur Einzelhandelskauffrau. „Ich habe in einer Bäckerei und auf einer Tankstelle gearbeitet.“

Bevor sie die Lehre abschließen konnte, wurde sie mit Ian schwanger. Bis dahin hatte sie gedacht, dass sie kinderlos bleiben würde. „Ein Kind ist das Beste, was einem passieren kann. Es gibt nichts Schöneres“, ist Sandra noch heute glücklich darüber, dass Ian in ihr Leben trat. Die kranke Mutter konnte den Alltag mit dem Baby stemmen, weil sie Menschen um sich hatte, auf die sie sich verlassen konnte. „Ohne meine Mama, meinen Stiefvater, meine Oma, meine Freunde und meine Nachbarn wäre ich nichts.“

Als sie nach einem Jahr wieder zu arbeiten begann, wurde ihr aber alles zu viel. „Ich hatte einen Rheuma-Schub. Mein Körper pochte, als ob man mit einem Hammer auf mich einschlagen würde. Ich konnte mich nur noch wie ein Roboter bewegen.“ Sandra hörte zu arbeiten auf, schloss später dann aber noch beim Wifi mit Auszeichnung die Lehre ab. Das war eine Bestätigung für sie, änderte aber nichts daran, dass sie einige Jahre später krankheitsbedingt in Invaliditätsrente gehen musste. „Es tut weh, nicht mehr arbeiten zu können. Ich bin ja noch so jung.“

Überforderung

Aber die 33-Jährige ist nicht ohne Aufgabe im Leben. Denn vor sechs Jahren schenkte sie Zwillingsmädchen das Leben. „Ich wollte ein Geschwisterchen für Ian. Es war ein Schock, als ich erfuhr, dass ich Zwillinge erwarte und dachte mir: ,Wie soll das mit Rheuma gehen?“ Es kam dann so wie sie es geahnt hatte. Der Nachwuchs überforderte sie. Der nächste Rheumaschub war vorprogrammiert. Und wieder waren es die Familie und die Freunde, die in der Not einsprangen und dafür sorgten, dass die Kinder immer gut betreut waren.

„Aus Liebe tut man viel“, sagt dazu Sandras Mutter Andrea (56). Das vergangene Jahr war für ihre Tochter kein Gutes. Ihr mussten künstliche Hüftgelenke eingesetzt werden. Nach den Operationen kämpfte sich Sandra erfolgreich aus dem Rollstuhl. „Die Kraft kommt nicht aus körperlichen Fähigkeiten, sondern von einem unbeugsamen Willen“, erzählt sie. Und: „Bei uns gibt‘s kein Aufgeben.“ Ihre Oma, die ihr oft kocht und die Wäsche macht, ist ihr in dieser Hinsicht ein Vorbild. „Sie hat sich nach einem Schlaganfall ins Leben zurückgekämpft.“