Eigentlich hatten wir es gut

Vorarlberg / 27.01.2020 • 19:54 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Kürzlich habe ich versucht, meinen Teenagern zu erklären, was ein Viertelanschluss ist. Also: war. Ich hatte mich wohl wieder mal darüber beschwert, dass alle Teenager, die ich kenne, immer am Smartphone kleben, aber dennoch nie erreichbar sind, wenn man ihnen telefonisch dringend etwas sagen muss.

Natürlich wurde mir erklärt, dass man erstens aus Rücksicht auf alle anderen das Gerät stummgeschaltet habe. Bravo, danke. Und dass zweitens halt nur alte Leute in ein Smartphone hineinsprechen, also damit telefonieren. Aber das wusste ich schon, es ist die übliche Art juveniler Älterer-Diskriminierung, davon lass ich mich schon lang nicht mehr provozieren. Zudem gibt es bitte auch Erwachsene, die nicht gern telefonieren, außer es muss ganz dringend was gesagt werden, das weiß ich zufällig genau, denn ich bin eine davon. Ich scheue das Telefon wie Dracula die Sonne, und bin deshalb, wie an dieser Stelle schon einmal beschrieben, unendlich dankbar über alle anderen Formen der modernen Kommunikation. Ich halte das Telefonieren für eine unzumutbare Überforderung des Menschen: Wie soll das bitte zu schaffen sein, gleichzeitig zu sprechen, jemandem zuzuhören, das Gehörte verarbeiten, korrekt darauf reagieren und sich neuen Sprech-Text überlegen? Wie soll das gehen, noch dazu, ohne dass man ein Gegenüber-Gesicht als unmittelbaren Reaktions-Barometer zur Verfügung hat? Und um Gottes willen nein, Skype oder Facetime, also Video-Telefonieren, das ist ja noch schlimmer: Als würde ein Fremder ohne anzuklopfen ins Badezimmer platzen; Horror.

Dennoch wünsche ich, dass meine Anrufe an den von mir finanzierten Familien-Smartphones beantwortet werden, sonst, so die hochfrequent formulierte Drohung, könnte es passieren, dass ich einmal vergesse, die Telefon-rechnung zu bezahlen. Ich bin dann auch immer knapp davor, mit dem Zeigefinger zu wedeln und zu einer Belehrung anzuheben, dass der junge Mensch heutzutage gar nicht wisse, wie gut er es habe, weil zu meiner Zeit gab‘s oft nur Viertelanschlüsse. Ich erkläre euch mal, was das ist, und was es bedeutete, wenn der Nachbarssohn gerade frisch verliebt war.

Aber dann denke ich mir: Eigentlich hatten es wir gut. Es gab dieses eine Telefon im Haus, man benutzte es, wenn es nötig war, etwas mit jemandem zu besprechen oder auszumachen, man erwartete manchmal sehnsüchtig einen Anruf und daneben war man: frei. Man war frei auf eine Weise, die sich heute auch mit Handy-Fasten nicht reproduzieren oder nachstellen lässt. Bei allen Vorteilen, die das Smartphone bringt: Diese Freiheit gibt es nicht mehr, und junge Leute haben sie nie erlebt.

„Man war frei auf eine Weise, die sich heute auch mit Handy-Fasten nicht reproduzieren oder nachstellen lässt.“

Doris Knecht

doris.knecht@vn.at

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.