In Bregenz trägt ein kleiner Weg einen großen Namen

Vorarlberg / 27.01.2020 • 20:30 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Carl-Lutz-Weg: Das Schild säumt künftig ein Wegstück in Bregenz-Vorkloster.  VN/GER

Die Landeshauptstadt ehrt einen Schweizer Lebensretter mit einem Wegstück.

Geraldine Reiner

Bregenz Alleine in Auschwitz ermordeten die Nazis mindestens 1,1 Millionen Menschen, rund 90 Prozent davon waren Juden. Am 27. Jänner 1945 befreiten Soldaten der Roten Armee das westlich von Krakau gelegene Konzentrationslager. Seither ist es zum weltweiten Symbol für die Tötungsmaschinerie des Nationalsozialismus geworden. Am gestrigen Montag jährte sich die Befreiung von Auschwitz zum 75. Mal. In Bregenz wurde aus diesem Anlass ein Weg nach dem Schweizer Diplomaten Carl Lutz benannt. Die Ernennungsfeier fand in einem ehemaligen Gefängnis der Gestapo statt. Mittlerweile ist darin das Bundesdenkmalamt untergebracht.

6000 Häftlinge

In dem Haus am Amtsplatz 1 in der Bregenzer Oberstadt waren während der NS-Herrschaft knapp 6000 Personen inhaftiert. Ein Großteil von ihnen wurde anschließend in andere Lager deportiert. „Damit ist es ein Haus, das Geschichte geschrieben hat. Geschichte, die uns nachhängt und die wir uns bemühen aufzuarbeiten und zu bewältigen“, sagt Bürgermeister Markus Linhart.

 Carl Lutz rettete über 60.000 Juden vor dem sicheren Tod.
Carl Lutz rettete über 60.000 Juden vor dem sicheren Tod.

Carl Lutz (1895–1975) gilt als der vergessene Retter von knapp 62.000 Menschen. Der Schweizer war während des Zweiten Weltkriegs Vizekonsul in Budapest. Um ungarische Juden vor der Deportation in ein Konzentrationslager zu bewahren, entwickelte er ein Schutzbriefsystem und stellte rund 70 Häuser unter den Schutz der Eidgenossenschaft. Weil er das ohne die Genehmigung der offiziellen Schweiz tat, wurde ihm die Anerkennung seiner Leistungen zu Lebzeiten verwehrt. Erst 20 Jahre nach seinem Tod wurde der Diplomat schließlich rehabilitiert. Der Bezug zu Bregenz geht ebenfalls auf seine berufliche Tätigkeit zurück. Von 1954 bis 1961 war Carl Lutz Konsul der Schweiz in der Landeshauptstadt.

Der Carl-Lutz-Weg befindet sich entlang der Bahntrasse und des Mehrerauerwaldes zwischen Rheinstraße und Reutegasse.

„Noch schöner“

Dass der bislang namenlose Weg im Stadtteil Vorkloster entlang der Bahntrasse und des Mehrerauerwaldes künftig „Carl-Lutz-Weg“ heißt, geht auf eine Initiative der SPÖ zurück. Der Antrag wurde Ende Oktober in der Stadtvertretung beschlossen. Bislang sind in Budapest, in Bern oder in Spillern und Stockerau (NÖ) Straßen nach dem Konsul benannt. Für Historiker Werner Dreier vom Verein erinnern.at wäre die Ehrung in Bregenz noch schöner gewesen, wenn auch Menschen im Carl-Lutz-Weg wohnen würden. „Das wäre auch in Bregenz ein Novum gewesen, denn die Gedenkwege für die Opfer des Nationalsozialismus sind alle ein wenig wie der Carl-Lutz-Weg, abseitig und ohne Adressen“, merkte er in seiner Rede im Bundesdenkmalamt an.

Eine Gedenktafel erinnert daran, dass das Haus am Amtsplatz 1 während der NS-Herrschaft ein Gefängnis war.
Eine Gedenktafel erinnert daran, dass das Haus am Amtsplatz 1 während der NS-Herrschaft ein Gefängnis war.