Mehr als eine Feuerwehr

Vorarlberg / 30.01.2020 • 19:34 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Im VN-Interview hebt Hessel die positiven Seiten des Heeres hervor.
Im VN-Interview hebt Hessel die positiven Seiten des Heeres hervor.

Kernkompetenz muss erhalten bleiben, sagt der neue Kommandant.

Bregenz Attraktivierung des Grundwehrdiensts? Das Bundesheer ist schon attraktiv, ist der neue Vorarlberger Militärkommandant Gunther Hessel überzeugt. Das Heer dürfe nicht zu einem Technischen Hilfswerk als Ergänzung zur Feuerwehr verkommen.

 

Herr Militärkommandant, wie geht es Ihnen als hochrangiger Offizier mit der aktuellen Situation im Bundesheer?

Hessel Erstens einmal: Mir geht es gut. Ich finde es auch gut, dass der vormalige Bundesminister sehr stark thematisiert hat, wo unsere Problembereiche liegen. Also dass wir aufgrund der finanziellen Situation massive Engpässe haben und bei der Modernisierung unserer Armee sehr stark im Rückstand sind. Auf der anderen Seite müssen wir aufpassen, dass wir die guten Dinge auch verkaufen, damit wir als Arbeitgeber attraktiv bleiben und weiterhin als Sicherheitsgarant gelten.

 

Welche guten Dinge?

Hessel Wir haben sehr engagierte und sehr professionell ausgebildete Soldaten, die mit hoher Motivation und großem Idealismus bereitstehen, um ihren Auftrag im Dienste der Sicherheit der Bevölkerung wahrzunehmen. Und es gab in den letzten Jahren punktuelle Verbesserungen, das soll man nicht übersehen. Hier in Vorarlberg zum Beispiel bei der Kadersituation. Zudem hat ein junger Mann, der sich entscheidet, Berufssoldat zu werden, von Anfang an eine klare Perspektive für seine Lebenslaufbahn. Die finanzielle Situation für den jungen Kaderanwärter ist sehr gut. Der verdient wirklich nicht schlecht.

 

Der ehemalige Verteidigungsminister Thomas Starlinger warnte, dass die Einsatzfähigkeit in zehn Jahren auf null Prozent sinkt, sollte sich nichts ändern. Teilen Sie diese Einschätzung?

Hessel Was die Aufgaben bei uns im Land betrifft, glaube ich, dass es nicht ganz so schlimm ist. Aber wenn wir unsere Kernkompetenzen hernehmen, also den bewaffneten Kampf, gebe ich ihm recht. Dann wird unsere Einsatzfähigkeit für höchste Intensität nicht mehr gegeben sein. Starlinger hat die Armee am Scheideweg gesehen: Werden wir immer mehr zu einem Technischen Hilfswerk als Ergänzung zur Feuerwehr? Oder behalten wir unsere Kernkompetenz?

 

Glauben Sie, dass es irgendwann auch für Großanschaffungen von der Bundesregierung wieder mehr Geld geben wird?

Hessel Ich bin grundsätzlich immer Optimist. Die ersten Wortmeldungen der neuen Bundesministerin machen uns Hoffnung. Sie ist natürlich in einer sehr schwierigen Situation. Die schwierigste Aufgabe ist es nicht, Geld in die Hand zu nehmen, sondern das Geld vom Finanzminister zu lukrieren. Ich gebe mich nicht den Illusionen hin, dass Starlingers Forderung in dieser Dimension kommen wird. Aber dem Investitionsrückstau muss entgegengewirkt werden. Dazu braucht es nicht nur eine Finanzspritze, um in positive Schlagzeilen zu kommen, sondern eine kontinuierliche Verbesserung des BIP-Anteils.

 

Wie hoch soll der sein?

Hessel Richtung 0,8 Prozent des BIP ist aus meiner Sicht unbedingt notwendig (rund drei Milliarden Euro, Anm.).

 

Die neue Ministerin Klaudia Tanner fordert die Teiltauglichkeit. Was halten Sie davon?

Hessel Das finde ich sehr positiv. Es soll ja dazu führen, unsere Präsenzstände zu erhöhen.

 

In diesem Zusammenhang ist auch stets von einer Attraktivierung des Grundwehrdienstes die Rede.

Hessel Da sind wir wieder beim Stichwort Kernkompetenz und Ausrüstung. Es wurde schon sehr viel gemacht, was die Attraktivierung betrifft. Das Alleinstellungsmerkmal ist attraktiv. Ein Soldat zu sein, nicht ein besserer Feuerwehrmann! In speziellen Fähigkeiten ausgebildet zu werden. Modernes Gerät stärkt die Motivation und den Selbstwert, darauf kann man stolz sein. Das verbunden mit einer sinnvollen Ausbildung und einer professionellen Führungsleistung ist Attraktivität genug.

Gunther Hessel (r.) übernahm am Donnerstag das Kommando in Vorarlberg und wurde zum Brigadier befördert. VN/Paulitsch
Gunther Hessel (r.) übernahm am Donnerstag das Kommando in Vorarlberg und wurde zum Brigadier befördert. VN/Paulitsch

Zur Person

Gunther Hessel

neuer Vorarlberger Militärkommandant

Geboren 7. Februar 1966 in Uttenford (Salzburg). Aufgewachsen in Maria Alm

Laufbahn 2003 Stv. Kommandant und Stabschef 1. Jägerbrigade Eisenstadt. 2009 bis 2012 Militärvertreter in Brüssel. Ab 2016 Verbindungsoffizier in Potsdam