Mein Beruf war mein Lebensinhalt

Vorarlberg / 30.01.2020 • 18:14 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Maria Rinner galt stets als offene und fortschrittliche Hebamme. BI
Maria Rinner galt stets als offene und fortschrittliche Hebamme. BI

Maria Rinner gestaltete die moderne Geburtshilfe in Bludenz mit.

Bludenz Das Leben mit Kindern prägte schon früh die Lebensgestaltung von Maria Rinner. Als drittes von insgesamt neun Kindern in Thüringen geboren, wurde sie schon bald in die Hausarbeit miteingebunden. „Da wir eine Landwirtschaft hatten, mussten die Buben im Stall mithelfen und wir Mädchen im Haushalt. Die Aufgabenteilung war völlig klar“, erinnert sie sich. Die Geschwister waren – bis auf zwei Ausnahmen – alle Hausgeburten. In unmittelbarer Nachbarschaft lebte eine Hebamme, die einen gesellschaftlich anerkannten Status genoss, ähnlich dem des Lehrers oder des Pfarrers im Dorf.

Nach der Pflichtschule arbeitete Maria Rinner in einem Haushalt, wiederum beaufsichtigte sie drei Kinder. Da sie jedoch eine berufliche Weiterentwicklung anstrebte, entschloss sie sich, mit 19 Jahren eine Ausbildung zur Hebamme in Innsbruck zu machen. „Mein Vater fand meinen Entschluss gut. Denn er dachte, dass dies kein anstrengender Beruf sei. Ich müsse ja nur neben den gebärenden Frauen sitzen und die Geburt abwarten. Das war eben die Anschauung von früher“, erzählt Maria Rinner lachend.

Eine von 21

„Insgesamt haben sich 120 Mädchen für diese Ausbildung beworben, 21 wurden genommen – und ich war dabei!“, freute sie sich. Zwei Jahre dauerte zu dieser Zeit die Ausbildung in Innsbruck. Das Internat war damals noch im Keller der Frauenklinik untergebracht. „Ich wusste vorher nicht, auf was ich mich da einlasse. Das Gesundheitswesen war völliges Neuland für mich“, führt sie weiter aus. Die Arbeiten im Kreißsaal der Hebammen-Anwärterinnen bestanden vorwiegend aus Putzen, Waschen und Aufräumen. Es sei auch völlig unüblich gewesen, einer Gebärenden Zuwendung zu zeigen. Die erste Geburt, die sie betreuen durfte, ist ihr auch heute noch in Erinnerung. Die Ausbildnerin meinte damals, sie sei ein Naturtalent.

Nach einer Anstellung im Landeskrankenhaus Feldkirch kam sie nach Bludenz ins Krankenhaus. Der damalige Primar Dr. Walter Schwarz wollte die Entbindungsstation neu ausrichten und war auf der Suche nach einer fortschrittlichen Hebamme. Maria Rinner wurde ihm empfohlen, sie sagte zu. Einen Schritt, den sie nie bereut hat, denn sie blieb bis zu ihrer Pensionierung vor sechs Jahren im Landeskrankenhaus Bludenz, wo sie schon bald eine Leitungsfunktion einnahm. Außerdem vertrat sie für sechs Jahre als Gremialleiterin der Hebammen des Landes Vorarlberg deren Anliegen in sämtlichen Belangen, auch bei Gesetzesveränderungen in Wien.

Doppelbett im Kreißsaal

Für Innovationen war sie immer offen: Schon bald wurden Babybettchen in den Patientinnen-Zimmern installiert, damit die Frauen ihre Babys bei sich haben konnten. Die Begleitung der Männer bei der Geburt entwickelte sich sukzessive, heute ist dies längst eine Selbstverständlichkeit. Eine Erleichterung für die werdenden Eltern bildete das Doppelbett im Kreißsaal, dadurch kann auch der Vater durchgehend anwesend sein. „Ich habe in den vielen Jahren im Kreißsaal beobachten können, dass es immer wieder Tendenzen gibt – entweder zu alternativen Geburtsmethoden und dann wieder hin zu einer eher technisierten Geburtshilfe. Als ich als Hebamme angefangen habe, war es beispielsweise noch üblich, Lachgas zu verwenden. Nach einer Pause von zwanzig Jahren wurde es schließlich doch wiederverwendet. Was ich schade finde, ist, dass die Frauen teilweise das Urvertrauen verloren haben. Eine Geburt ist die natürlichste Sache der Welt“, betont die engagierte Hebamme.

Ein heiliger Moment

Die Frauen zu stärken, war ihr ein Hauptanliegen. So konzipierte sie Geburtsvorbereitungskurse und gab auch dort ihr umfangreiches Wissen weiter. „Mein Beruf war mein Lebensinhalt! Der Moment der Geburt ist immer noch ein Wunder, auch nach so vielen Berufsjahren. Es ist ein heiliger Moment, bei dem alle Gefühle – auch die der oftmals härter erscheinenden Männer – offen sind“, zeigt sich Maria Rinner nach wie vor begeistert. BI

Zur Person

Maria Rinner

Geboren 9. Dezember 1954

Wohnort Bludenz

Beruf Hebamme in Pension

Hobbys Meditieren, Reisen, Lesen, Wandern, Bogenschießen, Fotografieren, Kochen, Backen, Garten, Treffen mit Freunden und Familie