Schizophrene Situation

Vorarlberg / 02.02.2020 • 18:44 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Österreichs Medien sind in einer fast schizophrenen Situation. Allen ist klar, dass die türkis-grüne Koalition alternativlos ist. Außer der „Neuen Freien Zeitung“ der FPÖ oder der rechtsextremen „Aula“. Was aber jetzt? Es ist Aufgabe der Medien, jede Regierung kritisch zu hinterfragen. Aber da hat man sich schon bei den Regierungsverhandlungen die Zähne ausgebissen. Fast gar nichts drang nach außen. Ein kleines Wunder, wenn man bedenkt, dass da Dutzende Leute in den Verhandlungen saßen und geschwiegen haben. Eisern. Jetzt ist die Regierung bald einen Monat im Amt und lässt, siehe jüngste Klausur, weniger an die Öffentlichkeit, als den Medien lieb ist, und verweist auf diverse Arbeitsgruppen. Also stürzen sich die Medien auf Nebengeleise. Da wird, ernsthaft, die Frage aufgeworfen, ob Werner Kogler in einem Lokal einen Burger essen darf, keinen vegetarischen, sondern einen aus Rindfleisch. Wenn Kogler oder Sozialminister Anschober Sebastian Kurz bei den perfekt inszenierten Medienauftritten begleiten, frühmorgens in einer Bäckerei oder in einem Pensionistenheim, dann wird das den Grünen vorgeworfen. Sollen sie brav im Kämmerlein sitzen und das Feld dem Medien-Profi Kurz überlassen?

Plötzlich dominiert die Sorge um die Grünen. Zunächst hat man gefragt, inwieweit sie über den Tisch gezogen worden sind. Angesichts der gerade bei der jüngsten Klausur gezeigten türkis-grünen Harmonie sucht man fast verzweifelt nach Dissonanzen. Werner Kogler wird zum x-ten Mal gefragt, ob die Grünen einer Verfassungsänderung bei der Sicherungshaft zustimmen. Antwort jeweils: Sicher nicht. Womit die Frage vom Tisch sein müsste. Wenn die kurzzeitige Kulturministerin Karoline Edtstadler knapp vor der Übergabe an ihre grüne Kollegin Lunacek Personalentscheidungen im Museumsbereich per Mail kommuniziert, dann war das sicher nicht die feine Art, aber nicht seitenlange Berichte wert oder ein gefühltes Drittel eines Kurz-Interviews in der ZiB 2.

Diskrepanz

Veröffentliche Meinung und Stimmung in der Bevölkerung klaffen auseinander. Der erste Vertrauensindex von OGM nach der Regierungsbildung stellt den medial gescholtenen Grünen ein gutes Zeugnis aus. Ihre Minister finden sich im vorderen Feld. Werner Kogler liegt gleichauf mit Sebastian Kurz auf Platz zwei, hinter dem unangefochten dominierenden Bundespräsidenten. Auch Rudolf Anschober, Alma Zadic und Leonore Gewessler liegen vor den ÖVP-Ministern Blümel, Edt­stadler, Aschbacher, Nehammer oder Tanner. Klare Schlusslichter übrigens Pamela Rendi–Wagner, Norbert Hofer und – weit abgeschlagen – Herbert Kickl. Auch die Medien müssen sich an eine Koalition gewöhnen, die nichts mit früheren gemeinsam hat. Natürlich wollen wir Taten sehen und Antworten auf Fragen, wie die Steuerreform finanziert wird, oder konkrete Klima-Maßnahmen. Aber ich halte es mit dem auch bei uns bestens bekannten Klaus Maria Brandauer, einst scharfer Kritiker von Türkis-Blau. Er meinte gerade in einem Interview mit dem „Falter“: „Hier können sich zwei Seiten beweisen, indem sie versuchen, einen gemeinsamen Nenner zu finden, und wenn es nicht anders geht, einen Kompromiss. Ich kann nur sagen: Lasst sie arbeiten, Glückauf!“

„Veröffentliche Meinung und Stimmung in der Bevölkerung klaffen auseinander.“

Wolfgang
Burtscher

wolfgang.burtscher@vn.at

Wolfgang Burtscher, Journalist und ehemaliger ORF-Landes­direktor, lebt in Feldkirch.