Armut nagt oft am Kindeswohl

Vorarlberg / 03.02.2020 • 16:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Nicht alle Kinder und Jugendlichen stehen auf der Sonnenseite des Lebens. Sie brauchen Hilfe. AFP

Kinder- und Jugendhilfe oft mit existenziellen Fragen konfrontiert.

Dornbirn Das Ziel ist ambitioniert: Bis 2035 soll Vorarlberg zum chancenreichsten Lebensraum für Kinder avancieren. Das erfordert Maßnahmen besonders für jene Mädchen und Burschen, die aus benachteiligten Familien kommen. Für Soziallandesrätin Katharina Wiesflecker heißt das, die Kinder- und Jugendhilfe möglichst breit aufzustellen. Oft würde diese nämlich nur mit dem Kinderschutz in Verbindung gebracht. Dies ist jedoch nur ein Teil des Aufgabenbereichs. Auch Prävention und soziale Dienste gehören dazu. Besonders da gilt es laut Wiesflecker, das Angebot weiterzuentwickeln.

Gewaltverbot in der Erziehung

Unter anderem wird jetzt einer langjährigen Forderung des Vorarlberger Kinderdorfs entsprochen. Bis 2022 wird im Land ein niederschwelliges Beratungs- und Betreuungsangebot für Jugendliche etabliert, die aufgrund des Alters eine Betreuungseinrichtung oder Pflegefamilie verlassen müssen, aber noch nicht so richtig auf eigenen Beinen zu stehen vermögen. Das Projekt „Care Leaver“ ermöglicht bis zum 24. Lebensjahr eine unkomplizierte Unterstützung. Bislang musste diese aus Spenden bezahlt werden. Außerdem soll die 2018 gestartete Öffentlichkeitskampagne zum Gewaltverbot in der Erziehung fortgesetzt bzw. weiterentwickelt werden. Speziell in diesem Bereich sieht Katharina Wiesflecker noch immer großen Handlungsbedarf.

Viele Kinder in Mindestsicherung

Die Soziallandesrätin betonte die gute Kooperation zwischen dem Land sowie der öffentlichen und privaten Kinder- und Jugendhilfe. Sie verwies darauf, dass die Fälle zwar weniger, aber komplexer würden. Sehr häufig seien die Mitarbeiter der Kinder- und Jugendhilfe mit existenziellen Fragen konfrontiert. Der Grund: In Vorarlberg beträgt der Anteil von Kindern und Jugendlichen, die in der Mindestsicherung sind, mehr als 30 Prozent. „Die 0- bis 14-Jährigen sind jene Altersgruppe, die bezogen auf 1000 Personen gleichen Alters die höchste Anzahl an Mindestsicherungsbeziehern aufweist“, erläuterte Wiesflecker. Für die Arbeit der Kinder- und Jugendhilfe bedeute dies, dass die finanziellen Grundbedürfnisse der betreuten Familien oft nur unzureichend gedeckt seien.

Junges Bundesland

Der Dornbirner Bezirkshauptmann Helgar Wurzer betonte die Wichtigkeit der Förderung und Prävention. „Es gilt, die Ressourcen innerhalb der Familien zu unterstützen und zu stärken.“ Das funktioniert offenbar großteils. Rund 95 Prozent der Fälle beruhen auf der freiwilligen Mitwirkung der Erziehungsberechtigten. Ergibt sich aufgrund von Informationen der Verdacht einer Gefährdung, erfolgt eine Gefährdungsabklärung. Im Jahr 2018 gab es knapp 2000 solcher Abklärungen. Die häufigsten Gründe waren Erziehungsprobleme, Überforderung und häusliche Gewalt. Nach wie vor ein Thema sind in diesem Zusammenhang Auslandsunterbringungen. Derzeit werden acht Kinder und Jugendliche außerhalb von Vorarlberg betreut, 2017 waren es fünf. 2018 wurden für die Kinder- und Jugendhilfe 45,7 Millionen Euro ausgegeben. Insgesamt ist Vorarlberg ein junges Bundesland. Gut 19 Prozent der Bevölkerung sind unter 18 Jahre alt. Außerdem leben hier überdurchschnittlich viele Familien mit Kindern. Immerhin 14 Prozent haben mindestens drei unter 18-Jährige.