„Das ist ein ideologischer Kampfbegriff“

Vorarlberg / 03.02.2020 • 21:55 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Grabherr warnt vor Ungleichbehandlung verschiedener Gruppen. VN/Steurer
Grabherr warnt vor Ungleichbehandlung verschiedener Gruppen. VN/Steurer

Kritik am Begriff „christlich-jüdisches Wertefundament“.

Dornbirn Eva Grabherr hat das Jüdische Museum in Hohenems und die Projektstelle „okay.zusammenleben“ mitaufgebaut. Am Montag erhielt sie den Kurt-Schubert-Preis. Im VN-Interview zur Verleihung spricht sie über Dialog, das Kopftuchverbot und Kampfbegriffe.

 

Gratulation zum Kurt-Schubert-Preis. Mit dem Namensgeber verbindet Sie eine gemeinsame Vergangenheit. Welche?

Grabherr Kurt Schubert ist der Begründer der Judaistik im deutschsprachigen Raum. In Innsbruck habe ich jede Gastvorlesung von Schubert besucht. Mir war immer klar, dass ich später nach Wien möchte, um an seinem Institut weiterzustudieren. Er war dann der akademische Betreuer meiner Magisterarbeit.

 

Der Preis wird für interreligiösen
Dialog verliehen. Was bedeutet dieser Begriff in Vorarlberg?

Grabherr Ich weiß gar nicht, ob der Preis für mich stimmt, weil interreligiös im Mittelpunkt steht. Mein Thema ist der Dialog und das Zusammenleben von Menschen, die sich als Mitglieder einer Gruppe verstehen. Historischerweise waren es aber oft religiöse Gruppen. Klassisch für unseren Raum ist der christlich-jüdische Dialog. Religion kann im Dialog eine Waffe sein, aber auch eine Friedensbrücke.

 

Die Bundesregierung kritisiert regelmäßig den sogenannten politischen Islam und das Kopftuch. Was bedeuten das für den Dialog?

Grabherr Ich kann nur über meine Dialogmotivation sprechen. Sie wird noch erhöht. Denn Dialog ist nie unkritisch, ist nie nett. Ich unterscheide zwischen zwei Gruppen: Jenen, die einen Konflikt benutzen. Und jenen, die einen Konflikt betonen, weil ein Problem in der Luft liegt, das angepackt werden muss. Das mag ich. Bei den Türkisen gibt es Leute, die Dinge anpacken, wenn auch etwas rauer. Aber die ersten Stellungnahmen der Integrationsministerin sind eher im anderen Sinne. Da will jemand das Thema markieren.

 

Was halten Sie vom Kopftuchverbot?

Grabherr Ich bin sehr froh, dass es jetzt geprüft wird. Die Experten, mit denen ich spreche, sehen es kritisch, was die Verfassungskonformität betrifft. Wenn der Verfassungsgerichtshof nun feststellt, dass es passt, dann bewegen wir uns auf einer gemeinsamen Basis. Alle werden gleich behandelt. Aber es sieht so aus, als verstoße es gegen die Verfassung. Das bedeutet eine Ungleichbehandlung nach der Religion.

 

Das Kopftuch sei eine Unterdrückung der Frau, wird argumentiert.

Grabherr Es geht um die staatliche Ebene. Fragt man einen jüdischen Jungen, der eine Kippa trägt, ob er gezwungen wird? Überlegen Sie sich mal, was das für ein Bild abgeben würde. Aber bei einem islamischen Mädchen sehen wir ein unterdrücktes Wesen? Ich kann Ihnen nicht sagen, ob es das ist. Aber so kann der Staat nicht mit religiösen Symbolen umgehen. Wir wissen, dass Menschen mit muslimischem Hintergrund in Europa eher traditionellere Geschlechterbilder haben. Nur: Das löse ich nicht mit einem Kopftuchverbot für Mädchen! Gleichberechtigung muss von unten durch ganz viele Maßnahmen unterstützt werden.

 

Die Politik betont gerne das christlich-jüdische Wertefundament von Europa. Kann man das so sagen?

Grabherr Ich weiß nicht, ob man das sagen kann. Ich sage es nicht. Das ist ein ideologischer Kampfbegriff, den meistens Menschen verwenden, die eine Abgrenzung zu einer anderen Gruppe wollen, nämlich zu den Muslimen. Ich kenne viele im christlichen und jüdischen Spektrum, die diesen Begriff zutiefst ablehnen. Da wird einer Gruppe gesagt: Ihr könnt gar nie Europa sein. Das ist fatal.

Zur Person

Dr. Eva Grabherr

Geboren 1963, wohnt in Höchst

Ausbildung Studium Geschichte, 1990 bis 1996 Aufbaudirektorin des Jüdischen Museums, bis 2001 Forschung, seit 2001 Aufbau und Leitung von „okay.zusammen leben“.

Auszeichnungen Unter anderem Russ-Preis 2013, Kurt-Schubert-Preis 2020