Chiara Schwaiger: „Ich war gar nicht eingestellt auf die Liebe“

Vorarlberg / 04.02.2020 • 14:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Chiara mit ihrem Sohn Lukas und dessen Opa Bertram. Wenn Chiara Schule hat, ist ihr Sohn Lukas in der Obhut von Chiaras Mutter Tanja. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Chiara mit ihrem Sohn Lukas und dessen Opa Bertram. Wenn Chiara Schule hat, ist ihr Sohn Lukas in der Obhut von Chiaras Mutter Tanja. Klaus Hartinger

Chiara Schwaiger (22) ist körperlich schwer behindert. Sie kann nur ihren Kopf bewegen. Vor zwei Jahren wurde sie Mutter.

Hohenems Bis zum 20. Lebensjahr haderte Chiara Schwaiger nicht mit ihrem Schicksal. Die 22-Jährige kam mit einer Körperbehinderung zur Welt. Sie leidet an der seltenen Krankheit AMC, einer angeborenen Form der Gelenkssteife. „Alle meine Gelenke sind versteift. Ich kann meine Gliedmaßen nicht bewegen. Nur mein Kopf ist beweglich“, erklärt sie und dirigiert ihren Rollstuhl mit ihrem Mund in Richtung Wohnzimmer.

Die schwerbehinderte Frau ist seit ihrer Geburt auf den Rollstuhl und auf fremde Hilfe angewiesen. Chiara wurde von klein auf von ihrer Mutter und ihrer Oma betreut. „Mama erzog mich selbstständig. Sie hat mich gefördert und mir beigebracht, alles mit dem Mund zu machen.“ Ihr Smartphone, das am Elektrorollstuhl in Kopfhöhe festgezurrt ist, piepst. Chiara schaut sich die SMS-Nachricht an. Dann schreibt sie selbst eine. Mit ihrem Mund kann sie nicht nur schreiben, sondern auch malen und am Computer arbeiten. Trotz ihrer schweren Körperbehinderung hat es die gebürtige Bregenzerin weit gebracht. Im Frühling tritt die Hak-Schülerin zur Matura an. Danach würde sie gerne in einem Büro arbeiten.

Dass sie anders ist, wusste sie schon als Kind. „Aber ich empfand mich als normal.“ Das lag wohl auch daran, „dass ich immer Anschluss hatte und Freunde, die viel Rücksicht auf mich nahmen“. Sie erinnert sich, dass sie genau gleich viel Blödsinn gemacht hat wie die anderen Kinder. „Wir haben oft Maiskolben auf dem Feld geklaut. Ich stand Schmiere.“

Schwangerschaft schockte sie

Aber das gehandicapte Mädchen musste einige Operationen über sich ergehen lassen. „Mit acht Jahren bekam ich eine Stange in den Rücken, um die Wirbelsäule zu stabilisieren. Wenn ich diese OP nicht gemacht hätte, könnte ich heute nicht mehr sitzen und nur noch liegen.“

Chiara bittet ihre Assistentin um einen Tee. Bis vor ein paar Wochen kümmerte sich Chiaras Mama um ihr Wohl.  „Sie hat mich all die Jahre bestens betreut.“ Doch seit Kurzem bewältigt Chiara ihren Alltag mit einer Pflegerin. Das liegt daran, dass sie den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt und jetzt eine eigene Wohnung hat. Ihre Assistentin kümmert sich um ihre Bedürfnisse. Sie gibt Chiara das Essen ein, duscht sie, zieht sie an und bringt sie ins Bett. „Ich brauche jemand, der mir Hände und Füße ersetzt.“ Die Pflegerin muss auch Chiaras Sohn Lukas mitbetreuen. Die schwerbehinderte Frau wurde vor zwei Jahren Mutter. Dabei war Chiara gar nicht auf die Liebe eingestellt. „Ich ging davon aus, dass ich immer allein bleiben würde.“ Aber dann kam Simon. Er sah Chiara jeden Morgen im Bus und verliebte sich in sie. „Er fand es bewundernswert, wie ich mein Schicksal meistere.“ Als sie erfuhr, dass sie schwanger ist, war sie extrem geschockt. Wie sollte sie als körperlich schwer beeinträchtigte Frau ein Kind großziehen können? Die Schwangerschaft war nicht der einzige Schock. „Simon zog sich zurück. Wir waren drei Jahre ein Paar.  Als er ging, konnte ich nicht mehr lachen und nur noch weinen.“

„Lukas ist mein absoluter Schatz. Ich liebe ihn so sehr.“

Chiara Schwaiger, Mutter eines Sohnes

Nach einer beschwerlichen Schwangerschaft kam der gemeinsame Sohn auf die Welt. „Als Lukas da war, vergaß ich meinen Schmerz. Jetzt musste ich stark sein und in die Gänge kommen.“ Doch zunächst musste sie um das Baby bangen, weil es schwer krank zur Welt kam. „Drei Wochen lang wussten wir nicht, ob das Kind überlebt.“ Nachsatz: „Heute ist Lukas gesund und mein absoluter Schatz. Ich liebe ihn so sehr.“

Seit sie Mutter ist, hadert sie aber mit ihrem Schicksal. „Ich würde ihn gerne umarmen, ihn an mich drücken und auf den Arm nehmen, wenn er hinfällt. Und ich würde gern mit ihm die Rutsche hinunterrutschen. All das kann ich nicht. Und das tut mir weh.“ Das Band zwischen Mutter und Kind ist trotzdem eng. Die beiden sind sich in der Nacht sehr nahe, weil Lukas bei Chiara im Bett schläft. Momente der Nähe erleben Mutter und Kind aber auch untertags. „Ich lese ihm oft auf der Couch Geschichten vor und mache mit ihm ein Puzzle.“

Als Chiara hört, dass die Wohnungstür aufgesperrt wird, sagt sie lächelnd:  „Jetzt kommen Lukas und sein Opa vom Spielplatz.“ Das Bübchen rennt sofort zu seiner Mama, klettert auf ihren Schoß, umarmt sie und hüpft übermütig auf ihr herum. Dann will der Zweijährige mit seiner Mutter fangen spielen. Chiara lässt sich nicht lange bitten und fährt dem Kleinen mit ihrem Rollstuhl rückwärts davon. Als Lukas sie eingeholt hat, jubelt das Kleinkind vor Freude.