Angela Steidele zu Wahrheit und Fiktion beim biografischen Schreiben

Vorarlberg / 05.02.2020 • 15:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Angela Steidele verfasste eine Lebensgeschichte von Anne Lister (1791-1840). Ihre Rolle als Biographin machte sie zum Thema von „Poetik der Biographie“. KOGELNIG

Biografin las in einem Vortrag im Theater am Saumarkt Passagen aus allen Bänden ihrer Trilogie, die aktuell mit dem Essay „Poetik der Biographie“ abschließt.

Feldkirch „Als Anne Listers Tagebücher zuerst veröffentlicht wurden, glaubte man an Fälschung“, erklärt Listers Biografin Angela Steidele bei ihrem Vortrag im Theater am Saumarkt. Am Sonntagvormittag führte Steidele das Publikum in ihre „Poetik der Biographie“ (2019) ein: den theoretischen Rahmen für ihre Arbeit als Biografin. Die Trilogie, die mit diesem Essay schloss, eröffnete Steidele vor drei Jahren mit der „Erotischen Biographie“ über die Engländerin Anne Lister.

Vor „Gentleman Jack“

Auf Lister (1791–1840), die bis vor Kurzem kaum jemandem ein Begriff war, stieß Steidele aufgrund ihres Studieninteresses. Die in Köln lebende Literaturwissenschaftlerin forschte über Frauen des frühen 19. Jahrhunderts. Doch ihr Horizont sei noch enger, formuliert sie selbst: „Die ‚Weiber‘, über die ich schreibe, waren Frauen, die anderen Frauen Liebesbriefe schrieben.“ Dass Lister als „Gentleman Jack“ zur Heldin der gleichnamigen, aktuell laufenden Fernsehserie aufsteigen sollte, war zu Beginn ihrer Recherchen nicht abzusehen.

Dichtung und Wahrheit

Wie war das nun mit der Fälschung? An der Authentizität der passagenweise pikanten Tagebücher, die Lister in ausufernder Zahl verfasste, ist der Zweifel verstummt. Doch wie viel echt daran ist, wenn eine Biografin über eine historisch verbürgte Person schreibt, ist genau die Frage, welche Steidele umtreibt. Ihre sieben Thesen zu Fiktion und Wahrheit von Biografien legte sie fundiert und fesselnd in ihrem Vortrag über die „Poetik“ dar, bei dem sie mit Lesungen aus den drei Bänden einen verführerischen Einblick in ihre Trilogie gab.

Nicht nur die Biografin konstruiert eine Biografie, sondern jeder baut bereits zu Lebzeiten eifrig mit an der eigenen Biografie. Mit dieser Annahme im Hinterkopf erteilte Steidele Lister so oft als möglich selbst das Wort und machte wiederum transparent, wo sie sich einbrachte. Schließlich ließ sie die Leser in „Zeitreisen“ (2018) an ihren Vor-Ort-Recherchen zu Listers tödlich endender Russlandreise teilhaben. Gerade dieserart gelang Steidele ein glaubhaftes wie gefühlvolles Porträt, das Anne Lister weder als das „Scheusal“, das sie sein konnte, noch mit einem „feministischen Heiligenschein“ vorstellt. VKO

Trilogie von Angela Steidele

Anne Lister Eine erotische Biographie 2017

Zeitreisen Vier Frauen zwei Jahrhunderte ein Weg 2018

Poetik der Biographie 2019