Evolutionspsychologe Martin Morgenstern plädiert für mehr Gelassenheit

Vorarlberg / 06.02.2020 • 22:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Evolutionspsychologe Martin Morgenstern gibt als Gastredner bei der „50 Köpfe von morgen“-Ehrung Einblicke in die Stressforschung.

Dornbirn Evolutionspsychologe Martin C. Morgenstern beschäftigt sich seit Jahren mit dem menschlichen Verhalten und vertritt die These, dass sich der moderne Mensch in vielen Bereichen wie sein steinzeitlicher Vorgänger verhält. Bei der „50 Köpfe von morgen“-Ehrung am Donnerstag in der Fachhochschule Vorarlberg war der Deutsche Gastredner. Im VN-Interview gibt Morgenstern Einblicke in die Stressforschung, erklärt, weshalb Stress nicht nur etwas Negatives ist und warum er für mehr Gelassenheit plädiert.

Sie sprechen als Evolutionspsychologe immer wieder von „artgerechter Haltung“. Was hat es damit auf sich?

Als Evolutionspsychologe beschäftigt man sich mit den Wurzeln der Menschheit. Der Mensch ist eigentlich nichts anderes als ein sehr kluger, weniger behaarter Affe. Der genetische Bauplan eines Menschen ist zu 98 Prozent baugleich mit einem Gorilla. Ich bin häufig dem Affen genetisch näher als meinem Partner. Heute haben Menschen viele Probleme, die in der Natur mit Kampf, Flucht oder sich Totstellen gelöst werden. Dasselbe wollen wir auch machen, wenn es ein Problem gibt. Zum Beispiel wenn ich eine blöde E-Mail bekomme, möchte der Affe in mir den Computer an die Wand werfen.

Das geht im Normalfall aber nicht, oder?

Genau, und wenn ich dieses Problem gerade nicht körperlich lösen kann, dann bleibe ich im Stress hängen. Das führt dazu, dass wir immer weniger Möglichkeiten haben, zur Ruhe zu kommen. Wir haben eine To-Do-Liste, die immer länger wird, das stresst uns dann. Ich vergleiche das immer gerne mit der tragischen Figur des Sisyphos aus der griechischen Mythologie. Unser Geist und damit auch unser Körper kommen nie richtig zur Ruhe.

Kann Stress aber nicht auch positiv sein?

Stress ist ein unglücklicher Begriff. Man müsste statt Stress eigentlich von Energie sprechen. Energie, die der Körper bereitstellt, um ein Problem zu lösen. Es gibt zwei große Verhaltensrichtungen: Neben dem Beseitigen von Problemen, suchen wir nach Gewinnen. Wenn wir Dinge tun, in denen wir Sinn sehen und die uns Spaß machen, dann entsteht Energie, die sich gut anfühlt, also positiver Stress in Form von Freude, Lust oder Glück. Zudem hat Stress einen evolutionären Zweck: Er treibt uns an und lässt uns den Fokus schärfen. Aber Energie, die ausgegeben wird, muss auch wieder zurückgeführt werden. Der Körper braucht also seine Ruhezeiten. Diese haben wir aber weitestgehend nicht mehr.

Sie sind Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Stressdiagnostik und Prävention. Was sind denn Folgen von Dauerstress?

Dauerstress führt zu einem getriebenen, gehetzten Lebensgefühl. Wenn man das übertreibt, verliert man dauerhaft seine Gelassenheit, wird chronisch gereizt, angespannt und kommt nicht mehr runter. Wenn man dann immer noch weitermacht, verliert man mit hoher Wahrscheinlichkeit auch seine Gesundheit, denn weder unser Immunsystem noch unsere Psyche sind für Dauerstress gemacht. In der Natur gibt es auch Stress, der aber durch Bewegung abgebaut wird.

Was kann man gegen Dauerstress machen? Mehr bewegen?

Unbedingt. Man muss für sich selbst herausfinden, was guttut. Wie viel bewege ich mich und wenn ich mich mehr bewege, fühle ich mich dann besser? Das variiert von Mensch zu Mensch. Der Mensch wurde nicht dafür gemacht, um in Räumen zu sitzen. Um bei dem Vergleich mit Affen zu bleiben: Der Affe will sich bewegen, er ist gesellig und will zum Beispiel nicht zu viel Zucker. Beim Affen versteht das jeder sofort. Beim Mensch wird das oft ausgeblendet, er wird als Maschine gesehen, die ständig zu funktionieren hat.

Zur Person: Martin MOrgenstern

geb. 1971 in Siegburg. Martin Morgenstern ist Verhaltensforscher und Evolutionspsychologe sowie Experte für mentale Stärke, Motivation und Stressmanagement. Autor von „Gelassen gewinnen: Ab jetzt reitest du den Affen!“