Machtkämpfe

Vorarlberg / 06.02.2020 • 22:47 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Das Buch der Lehrerin Susanne Wiesinger „Machtkampf im Ministerium“ hat bei seinem Erscheinen für einiges Aufsehen gesorgt. Es ist zumindest seltsam, dass Wiesinger, die vor einem Jahr in das Bildungsministerium berufen worden war, um dort ihr Praxiswissen weiterzugeben, bereits ein Enthüllungsbuch verfasst, bevor sie ihren Job erfüllt hat.

Stereotype

Mittlerweile ist die Aufregung abgeflacht, was vielleicht auch damit zu tun hat, dass das Buch eher langweilig ist. Die Autorin versucht, die Erwartungen ihrer Leser vor allem mit Stereotypen zu befriedigen: Sie erzählt von aufreibenden Streitereien im Ministerium selbst und mit den Bildungsdirektionen, von Parteipolitik im Klassenzimmer, von patriarchalen Strukturen in Migrantenfamilien und – im Westen – vom übergroßen Einfluss der katholischen Kirche. Wiesinger liefert genau das, was niemanden überrascht.

Allerdings bleibt die Schilderung weitgehend abstrakt, ohne Namensnennungen, ohne Erwähnungen von Schulen, ohne Nachweise. So kann der Leser glauben, was er will. Auf seinen Wahrheitsgehalt überprüfbar ist das Buch eigentlich kaum.

Manchmal sind die Stereotype auch lustig. Über Vorarlberg schreibt Wiesinger: „Egal ob das Bildungsministerium rot oder schwarz ist – in meinen Augen lehnt Vorarlberg aus Prinzip und Überzeugung nahezu alles ab, was vom Bund kommt.“ Ganz so schlimm, möchte man ihr erwidern, sind wir nicht. Die Behörden in Vorarlberg sind gesetzestreu und verschließen sich keiner Diskussion, sie loten aber vielleicht mehr als andere ihre Spielräume aus.

Föderalismus-Bashing

Ein paar Vorschnelle haben aus der Kritik Wiesingers an den Machtkämpfen zwischen Ministerium und Bildungsdirektionen in den Ländern wieder einmal messerscharf auf den „sinnlosen Föderalismus im Bildungswesen“ kurzgeschlossen. Dabei ist der Föderalismus im Bildungswesen nur in homöopathischen Dosen vorhanden! Nicht einmal die Entscheidung, ob es in einer dritten Volksschulklasse Ziffernnoten oder eine verbale Beurteilung gibt, darf bekanntlich eigenständig im Land getroffen werden.

Nein. Auch für Föderalismus-Bashing gibt das Wiesinger-Buch nichts her. Was sie als Machtkämpfe zwischen Ministerium und Bildungsdirektionen in den Ländern missversteht, ist, dass diese Behörden unterschiedliche Aufgaben wahrnehmen. Es ist nun einmal so: Wer die Verantwortungsbereiche nicht kennt, versteht die Abläufe nicht und interpretiert die Dinge falsch.

„Egal ob das Ministerium rot oder schwarz ist – in meinen Augen lehnt Vorarlberg aus Prinzip und Überzeugung nahezu alles ab.“

Peter Bussjäger

peter.bussjaeger@vn.at

Peter Bußjäger ist Direktor des ­Instituts für Föderalismus und ­Universitätsprofessor in Innsbruck.