„Bildungspanik“ schwächt Mittelschule

Vorarlberg / 10.02.2020 • 07:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
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Besonders in den Bundesländern schicken immer mehr Eltern ihre Kinder ins Gymnasium.

Johannes Huber

SCHWARZACH Die Neue Mittelschule ist gescheitert. Zumindest so, wie sie von der einstigen Bildungsministerin Claudia Schmied (SPÖ) geplant war: „Sie hatte die Hoffnung dass die Schule so gut wird, dass alle Eltern ihre Kinder lieber dorthin bringen als ins Gymnasium“, erinnert sich die Bildungsexpertin Heidi Schrodt, die Schmied unter anderem mit dem ehemaligen ÖVP-Politiker Bernd Schilcher beraten hatte.

2015 hat die Neue Mittelschule die Hauptschule zwar überall verdrängt und ist damit flächendeckend eingeführt worden, Schmied’s Ziel wurde jedoch verfehlt. Das Gymnasium hatte vor allem in Vertretern der Bundes-ÖVP eine zu starke Lobby, die dagegen hielt.

Die Daten über die Verteilung der Schülerinnen und Schüler in der 5. Schulstufe sind mehr als deutlich. Die 5. Schulstufe entspricht der ersten Klasse Haupt- oder Neue Mittelschule sowie des Gymnasiums (AHS-Unterstufe): 1980/81 gingen in Vorarlberg 82,2 Prozent in die Hauptschule, 1990/91 waren es nur noch 75,9 Prozent. Dann stieg der Anteil vorübergehend, um seit 2000/01 mehr oder weniger kontinuierlich weiter zu sinken. 2018/19 handelte es sich nur noch um 70,8 Prozent. Umgekehrt stieg der Anteil der Gymnasiasten von 13,7 Prozent vor 40 Jahren auf zuletzt 24,3 Prozent.

Österreichweit waren die Veränderungen noch etwas stärker. Wobei sie vor allem außerhalb Wiens stattfanden. In Kärnten hat der Anteil der Gymnasiasten auf Kosten der Neuen Mittelschule beispielsweise um ein Fünftel zugenommen und beträgt dort schon über 40 Prozent.

Heidi Schrodt bestätigt im Gespräch mit den VN, dass in der Entwicklung auch etwas Positives zum Ausdruck kommt: der allgemeine Bildungsstand steigt. Und das sei gut so: „Bildung ist viel wichtiger für die berufliche Laufbahn geworden.“ Vor ein paar Jahrzehnten noch sei das nur bedingt der Fall gewesen. Wenn Kinder von Fabriksarbeitern den zweiten Klassenzug der Hauptschule besucht hätten, seien sie schlussendlich trotzdem ihren Eltern in der Fabrik nachgefolgt. Solche Jobs gebe es jedoch immer weniger.

Verschärft wird das Ganze laut Schrodt durch ein Phänomen, das der deutsche Soziologe Heinz Bude mit dem Begriff „Bildungspanik“ bzw. einem eigenen Buch unter diesem Titel auf den Punkt gebracht habe: Die breite Mittelschicht definiert sich demnach über Bildung noch stärker als über Vermögen und Besitz. Bildung ist der Schlüssel dazu geworden, den Stand zumindest zu halten und nicht abzustürzen.
Der Zug zum Gymnasium befördert laut Schrodt eine Spaltung der Gesellschaft: In Ballungsräumen werde das Niveau an den Neuen Mittelschulen automatisch schlechter. Wer kann, meidet sie. Am Land dagegen können sie sich noch eher als gemeinsame Schule aller 10- bis 14-Jährigen halten.

Das Problem, das die Bildungsexpertin bei alledem sieht, ist auch, dass es viel zu wenig gelinge, allfällige Rückstände, mit denen Kinder in die Schule kommen, wettzumachen; und dass die geradezu schicksalsträchtige Entscheidung zwischen Gymnasium und Mittelschule schon gegen Ende der Volksschule getroffen werde: „Das ist viel zu früh.“