Die unendliche Geschichte einer Wildfütterung

Vorarlberg / 10.02.2020 • 06:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Die Diskussion um eine Wildfütterungsstelle in Lech geht weiter.<span class="copyright"> Berchtold</span>
Die Diskussion um eine Wildfütterungsstelle in Lech geht weiter. Berchtold

Seit 2010 beschäftigt eine kleine Fütterungsstelle in Lech die Gerichte bis nach Wien.

Lech, Bludenz, Bregenz, Wien Lech möchte allen Wintertouristen etwas bieten. Wer sich nicht jeden Tag auf die Piste schwingt, kann sich auf einen schönen Winterspaziergang begeben. Vielleicht sieht man sogar Rehe? Das Wintermagazin Lech Zürs wirbt in der Ausgabe 2015/2016 für einen besonderen Ort: „Für alle Naturfreunde bieten wir einen überdachten Bodensitz,der aus sicherer Entfernung die Beobachtung von Hirsch und Reh bei der Winterfütterung ermöglicht. Der Bodensitz befindet sich im Engerle-Wald an der Zugerstraße.“ Als diese Zeilen geschrieben wurden, war diese kleine Fütterungsstelle längst Thema der Behörden und der Justiz.

Das Genossenschaftsjagdgebiet Lech 1, wie es offiziell heißt, umfasst 566 Hektar und befindet sich in einer Rotwildkernzone. Rund 130 Hektar davon gehören zum Engerle-Wald. Am Rande des Waldes befindet sich eine Fütterungsstelle, die längst zur Touristenattraktion geworden ist.

Am 16. März 1999 gegen 17.40 Uhr donnerte zwischen Zug und Lech eine Lawine in Richtung Tal. Die Zugerstraße wurde auf 40 Metern verlegt. Um die Straße und das darunterliegende Freibad zu schützen, sollte eine Lawinenverbauung her. „Doch die Wildbachverbauung weigerte sich, Geld zu investieren, so lange sich die schlechte Situation im Schutzwald darunter nicht verbessert“, erzählt Bezirkshauptmann Johannes Nöbl. Der Name des Schutzwaldes: Engerle-Wald. Also ordnete die BH Bludenz im Mai 2010 an, dass die Fütterungsstelle aufgelassen wird, damit weniger Wild den Wald beschädigt.

Die Jäger wehren sich. Sie ziehen vor den Unabhängigen Verwaltungssenat (UVS), die Vorgängerinstitution des Landesverwaltungsgerichts. Dieser entscheidet: Der Bescheid der BH bleibt aufrecht, allerdings darf die Fütterungsstelle erst aufgehoben werden, wenn der Wildbestand unter 15 sinkt.

2015 steht fest: Es gibt noch zu viel Wild für den Bescheid. Für Nöbl steht das Problem fest: Die Jäger sind einerseits Adressat des Bescheides, andererseits aber dafür verantwortlich, dass der Wildbestand sinkt. Die BH ordnet deshalb 2016 eine sogenannte Freihaltung an. Das bedeutet: Die Jäger müssen den Wildbestand auf Null reduzieren. Die Fronten verhärten sich.

Im Laufe desselben Jahres übernimmt die Genossenschaft selbst das Jagdrevier, das vorher verpachtet worden ist. Darauf reduziert sich der Wildbestand lat Anwalt Tobias Gisinger, der die Jäger vertritt, drastisch.

Die Jäger legen Beschwerde ein. Das Landesverwaltungsgericht bestätigt im Jahr 2018 den Bescheid der BH. Der Engerle-Wald landet daraufhin vor dem Verwaltungsgerichtshof in Wien. Der stellt im Herbst 2019 fest: Eine Freihaltung sei nur die letzte Konsequenz, außerdem sei der forstwirtschaftliche Amtssachverständige. Und so lange es eine Fütterungsstelle gibt, dürfe keine Freihaltung angeordnet werden. Zur Erinnerung: Die BH wollte mit der Freihaltung erreichen, dass die Fütterungsstelle aufgelassen werden kann. Der Fall geht also zurück an das Landesverwaltungsgericht. Das entscheidet am 20. Dezember endgültig: Keine Freihaltung. Der Bescheid, die Fütterungsstelle aufzulösen, bleibt laut Bezirkshauptmann Nöbl aber aufrecht.

Anwalt Gisinger widerspricht: Der Wald sei in einem viel besseren Zustand als damals. „Wird die Fütterungsstelle aufgelöst, sucht sich das Wild andere Stellen. Es wird nach Lech in den Ort ausweichen, den Wald stärker beschädigen und wohl auch hungerleidend zu Grunde gehen.“

Nach der Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofs kommt es erneut zu Gesprächen mit allen involvierten: Grundstücksbesitzer, Jagdgenossenschaft, Jagdbehörde, Landesbehörde, Forstbehörde … das Krisentreffen bleibt ohne Ergebnis. Der Lecher Bürgermeister Ludwig Muxel wäre froh, wenn die Sache endlich abgeschlossen würde „Wir wollen, dass die Fütterungsstelle erhalten bleibt.“ Aber die BH Bludenz leitet nun wieder ein Ermittlungsverfahren ein. Nöbl erläutert: „Wir schauen, ob sich die Gegebenheiten geändert haben und den Bescheid vielleicht abändern müssen. Aber ich kann jetzt nicht sagen, wie die Entscheidung ausgeht.“ Sollte das Ende der Fütterungsstelle bestehen bleiben, werden die Jäger wieder in den Kampf ziehen. „Wenn es sein muss wieder bis nach Wien“, betont Gisinger. Die Geschichte um die kleine Fütterungsstelle in Lech geht also weiter.

Komplizierte Entschädigungsverfahren

Wenn Wild einen Wald zerstört, muss der Jagdpächter den Waldbesitzer entschädigen. Nicht immer einigen sich die beiden involvierten. Deshalb kennt das Jagdgesetz ein Schlichtungsverfahren. Ein Sachverständiger sieht sich den Wildschaden an und errechnet einen Betrag, der vom Jäger an den Waldbesitzer überwiesen werden sollte. Ein Tschaggunser mit einem Wald im Silbertal hat sich bereits vor einem Jahr mit verschiedenen Stellen angelegt. Er fühlte sich um eine angemessene Entschädigung gebracht (die VN berichteten). Heuer wiederholt sich das Spiel, wie er den VN berichtet. Sein Fall zeigt, wie der Schaden berechnet wird. Der Sachverständige im Schlichtungsverfahren errechnete: Fünf Fegeschäden bei Bäumen bis zu einem halben Meter bedeuten 15,8 Euro. Ein Schäl.- oder Schlagschaden bei einem Stammdurchmesser von 10 bis 20 Zentimeter ergibt 18,63 Euro. Und so weiter. Insgesamt ergibt sich ein Schaden von 132,27 Euro. Zu wenig, findet der Waldbesitzer. Er fordert 500 Euro. Der Sachverständige könne gar nicht alles gesehen haben, da der Schnee Schäden bedeckt habe. Der Waldbesitzer zieht nun vor Gericht

Dass es nicht immer um so kleine Beträge geht, zeigt eine andere Abrechnung des Standes Montafon. Er rechnete vor einem Jahr für drei Hektar Schutzwaldverjüngung vor: Bei 9000 Stück rund zwei Drittel Ausfall. Laut aktueller Preisliste kostet eine Fichte 0,55 Euro. Plus Transport, Arbeitsstunde und Standzeit ergibt das 1,65 Euro pro Fichte. Macht: 9000 Euro Entschädigung.