Der Schulweg

Vorarlberg / 11.02.2020 • 18:25 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Als ich mit meiner Schwester an einem Vorwintertag aufbrach, um die Schule zu besuchen, wehte ein scheinheiliger Wind, der sich bald drehte und sich bald in einen Sturm verwandelte. Da waren wir zwei gerade eine Viertelstunde unterwegs. Der Schulweg von der Tschengla auf den Bürserberg dauerte nämlich ziemlich lang. Wir überlegten, umzukehren, und beschlossen dann aber durch das Schneetreiben zu rennen. Der Weg war steil. An klaren Wintertagen fuhren wir mit den Schiern in die Schule. Nicht an diesem Tag. Bald schon fiel ich auf die Knie. Meine Wollstrümpfe hatten ein Loch, ich blutete, kleine Steine klebten daran, und der Schnee stopfte sich in die Strümpfe hinein. Ein Baum fiel um. Dann ein zweiter, nicht weit von uns. Es knarrte und ächzte, als würden alte Männer aufbegehren.

„Nicht so schnell“, rief meine Schwester, „ich komme nicht nach, du wirst wieder fallen!“ Und schon fiel ich. Wieder auf die Knie. Diesmal blutete ich stark, und es tat weh, und auch in den anderen Strumpf stopfte sich der Schnee. Bei jedem Schritt knickte ich ein. Meine Schwester weinte und betete. Beim Bildstöckchen fiel ich ein drittes Mal, und ich konnte nicht mehr aufstehen. Meine Schwester schleifte mich hinter sich her. Mein Gesicht war rotzverschmiert, unsere Haare nass, ich spürte die Beine nicht mehr vor Kälte. Ich raffte mich auf und hinkte hinter meiner Schwester her. Keine Menschen sonst. „Hilfe“, schrien wir, als könnte uns einer hören. „Hilfe!“

„Die müssen uns doch vermissen“, sagte meine Schwester, „die müssen, wenn wir nicht in die Schule kommen, bei uns zu Hause anrufen.“ Das einzige Telefon war bei uns zu Hause, im Kriegsopfer­erholungsheim, wo unser Vater der Verwalter war und zudem eine Art Doktor, der Kranke behandelte, mit Pflastern und so, auch ab und zu eine Spritze.

Wir hörten ein Auto, aber das nützte uns nicht. Wir beschlossen, einen Steilhang auf dem Hosenboden hinunterzurutschen, weil gerade wieder ein großer Ast vor unsere Füßen gefallen war. Menschen lasen uns auf. Hinterher hieß es, ich sei bewusstlos gewesen. Ich erinnere mich nicht. Man brachte uns ins Pfarrhaus. Die Köchin gab uns heißen Kakau, Wollsocken, wahrscheinlich welche vom Pfarrer. Sie waren so groß, dass die Ferse bis über meine Waden reichte.

Meine Schwester war ganz stumm. Ich redete wie ein Buch. Erzählte, ohne zu übertreiben, aber es klang übertrieben. Es gab frisches Zopfbrot. Du lieber Himmel dachte ich, die essen am Werktag Zopfbrot! Unsere Mutter, die sonst nie von zu Hause wegging, wartete auf uns. Sie trug eine dunkle Sonnenbrille. Wir schmiegten uns an ihren blauen Mantel. Der Vater hielt ihre Hand. Wir waren müde Helden.

„Beim Bildstöckchen fiel ich ein drittes Mal, und ich konnte nicht mehr aufstehen.“

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.