Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Werft einfach alles in den Müll

Vorarlberg / 11.02.2020 • 11:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Unlängst lief im ORF ein „Schauplatz“ über den Müll, den wir in Österreich nach den Weihnachtsfeiertagen und übers Jahr hinweg so produzieren. Ich habe erwartet, dass es schlimme Zahlen zu hören und beschämende Bilder zu sehen geben würde. Aber es schockierte dann nicht nur, wieviel wir wegwerfen, sondern vor allem, was wir alles wegwerfen.

„Nur zwei Supermärkte brauchte der Mann, um den Kofferraum seines Autos mit tadellosem Essen zu füllen, mit dem er lange auskommen würde.“

Der Schauplatz-Reporter begleitete unter anderem einen sogenannten Dumpster Diver, also einen Mistkübeltaucher, der regelmäßig die Mülltonnen von Supermärkten nach noch brauchbaren Lebensmitteln durchwühlt – was im Übrigen verboten ist. Ich hatte erwartet, dass der Mann ein paar angeschlagene Äpfel, nicht mehr ganz frische Gurken, lahmen Salat und harte Brote aus den Biomüll- und Mistkübeln fischt, aber was er tatsächlich fand, schockierte sogar eine abgebrühte Realistin wie mich. Noch nicht abgelaufener, orginalverpackter Schinken und andere Wurstwaren, ganze Netze von tadellosem Obst und Gemüse – Orangen, Äpfel, Kartoffeln – noch ganz knackige Radieschen, ein makelloser Blumenkohl, Frühlingszwiebeln und Kraut, noch lange haltbarer Käse und andere noch gute Milchprodukte: alles in den Müll geworfen. Nur zwei Supermärkte brauchte der Mann, um den Kofferraum seines Autos mit tadellosem Essen zu füllen, mit dem er lange auskommen würde.

Überflussgesellschaft, Wegwerfgesellschaft: Das sind Worte, die man so oft gehört und selber verwendet hat, dass sie kaum mehr etwas auslösen. Aber wenn man wieder mal vorgezeigt bekommt, wie das im Konkreten aussieht, was da wirklich alles im Müll landet – das ist schockierend. Besonders, wenn man auf der anderen Seite mitbekommt, wieviele Menschen zu wenig zum Leben haben – nicht irgendwo anders, sondern hier in Österreich. Ich habe auf Facebook auch die Caritas in meiner Timeline, und die Caritas-Mitarbeiterin Bettina Riha-Fink, die in Wien für die Caritas Spenden sammelt, erzählt dort immer wieder Geschichten: über ältere Frauen, die ihre Miete nicht mehr bezahlen und ihre Wohnungen nicht mehr heizen können, über alleinerziehende Mütter, die nicht wissen, wovon sie ihre Kinder bis zum Ende des Monats ernähren sollen.

Gleichzeitig werden tadellose Lebensmittel von Supermärkten einfach in den Müll geworfen: In Österreich um die 80.000 Tonnen jährlich, von denen bislang nur 12.000 an Bedürftige weitergegeben werden. Der Rest wird vernichtet. In Frankreich ist das mittlerweile gesetzlich verboten, und bei uns wird es hoffentlich auch bald nicht mehr erlaubt, nicht mehr normal sein: dass Supermärkte noch brauchbare Lebensmittel einfach zu Müll machen. Das heißt aber auch, dass wir anders konsumieren müssen: und wieder damit leben lernen müssen, dass im Supermarkt ein Lebensmittel vielleicht am Abend ausverkauft ist. Pech, ja, aber eigentlich normal.

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.