Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben

Vorarlberg / 13.02.2020 • 20:06 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Agatha und Jakob Mathis haben sich im Alter noch gefunden. Der 81-Jährige und die 79-Jährige haben im Vorjahr kirchlich geheiratet. kum
Agatha und Jakob Mathis haben sich im Alter noch gefunden. Der 81-Jährige und die 79-Jährige haben im Vorjahr kirchlich geheiratet. kum

Jakob und Agatha verloren ihre Lebenslieben. Aber die Liebe kam noch einmal zu ihnen.

Hohenems Er spielt ihr wie jeden Tag auf der Ziehharmonika eines ihrer Lieblingslieder vor. Sie hört andächtig zu und schaut ihn voller Bewunderung an. Als Jakob Mathis (81) das Instrument zur Seite legt, applaudiert Agatha (79). Dann küsst sie Jakob, der seit 59 Jahren jeden Sonntag in der Kirche Orgel spielt, auf die Wange. Das Musizieren wurde zum liebgewonnenen Ritual für das Paar. Aber die beiden verbindet nicht nur die Liebe zur Musik. „Wir gehen gerne am Rhein baden und ins Gasthaus Schwanen tanzen, machen oft Wanderausflüge und spielen Rommé“, verraten sie. Außerdem sind beide tiefgläubig. Der Glaube war es auch, der ihnen über den Verlust ihrer Lebenslieben hinweghalf. Agatha wurde mit 51 Jahren Witwe. Die dreifache Mutter trauerte lange um den Mann, mit dem sie 26 Jahre lang durch dick und dünn gegangen war. „Ich weinte vier Jahre um ihn.“ Trost spendete ihr der Glaube.

Die Witwe musste ihr Leben jetzt selbst in die Hand nehmen. „Als Erstes machte ich den Führerschein, damit ich zu den Baggerseen baden gehen konnte.“ Wohl taten ihrer verwundeten Seele auch ihr großer Garten und das Wandern mit einer Freundin. „Oft bin ich sonntags aber auch allein in die Berge gegangen.“ Irgendwann hatte sich die alleinstehende Frau an ihr neues Leben gewöhnt. Nach 21 Jahren als Single rechnete Agatha nicht mehr damit, dass sie noch einmal eine Liebe erleben würde. „Ich dachte mir: ,Den Mann, den ich will, den gibt es nicht‘.“

Sie täuschte sich. Denn 2012 trat Jakob in ihr Leben. Er war Agatha nicht fremd. Denn Jakob wohnt wie sie in Ems Reute. „Uns trennten 200 Meter.“ Agatha kannte auch dessen Frau Elisabeth und seine fünf Kinder. Denn: „Ich habe der Familie manchmal Erdbeeren vorbeigebracht.“ Als Jakobs Frau starb, kondolierte Agatha dem Witwer und ging zur Beerdigung.

Jakob hatte seine krebskranke Frau bis zu deren Tod im Jahr 2010 gepflegt. Acht Monate kümmerte er sich intensiv um die Frau, mit der er 47 Jahre das Leben geteilt hatte. „Bevor sie starb, hat sie mir noch das Kochen beigebracht“, erzählt er. Mit Elisabeth verschwand das Leben aus seinem Haus. „Es erschien mir auf einmal so groß und leer.“ Dem Witwer wurde angeraten, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Doch dies lehnte er mit den Worten ab: „Ich halte mich ans Kreuz. Ich brauche keinen Psychiater.“ Elisabeth war ein halbes Jahr tot. Da dachte er sich: „Eine Frau täte wohl im Haus und wäre das einzig Richtige gegen die Trauer.“ Ein Jahr später schickte ihm der Himmel Agatha. Die 79-Jährige erzählt, wie ihre Liebe begann: „Ich habe Jakob Erdbeeren vorbeigebracht. Er bedankte sich und fragte mich, ob ich mit ihm eine Wanderung mache. Ich sagte zu. Ich wusste ja, dass er ein rechter und gläubiger Mann ist.“ Die entscheidenden Worte fielen am Lünersee. „Ich fragte Agatha, ob wir Freunde sein können. Sie antwortete: ,Das sind wir schon.‘“ Es ging nicht ein Jahr und die beiden zogen zusammen. „Man ist nicht mehr allein und tut alles miteinander“, schätzt das Paar die Vorzüge einer Partnerschaft. Jakob und Agatha danken dem Herrgott jeden Tag dafür, „dass wir uns haben“. Kein Zwist belastet den Alltag des reifen Pärchens. „Warum sollen wir streiten? Wir sind einfach glücklich.“

„Habt keine Angst vor der Liebe“

Im Vorjahr krönte das Paar seine Liebe mit einer kirchlichen Hochzeit. „Das größte Geschenk wäre für mich, wenn du mich an meinem Geburtstag heiraten würdest.“ Mit diesen Worten bat Jakob um die Hand seiner Angebeteten. Mit dem Heiratsantrag drückte er auch seine tiefe Dankbarkeit aus. „Ich verdanke Agi, dass ich wieder wunderbare Liebesgefühle habe.“ Auch Agathas Herz quillt über vor Dankbarkeit und Glück. „Die Liebe ist es wert, einen Neuanfang zu wagen“, meint sie und rät davon ab, Angst vor der Liebe zu haben.

Denn: „Es ist wirklich so, wie es Schlagersänger Jürgen Marcus einst in einem seiner größten Hits besungen hat: Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben.“ VN-Kum

Das Glück ist dem Brautpaar anzusehen.
Das Glück ist dem Brautpaar anzusehen.