Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

Ländle-Kalb im Libanon

Vorarlberg / 22.02.2020 • 08:30 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Für Landesrat Christian Gantner (39, ÖVP) kocht das Dauerthema Tierschutz und Kälbertransporte nun über. Das, was die Politik jahrelang abgestritten hat, wiesen nun Tierschützer aufwendig nach: Ein Vorarlberger Kalb, verschifft über Spanien, wurde nach zehntägiger Schiffsüberfahrt im Libanon geschächtet. Maximaldauer von Tiertransporten dieser Art liegt bei 19 Stunden. Doch die Dauer der Reise ist nur ein Teil des Kälbertransportskandals. Das Ende der Reise hat es in sich: Wer die grausamen Videobilder der Tierschützer aus dem Libanon gesehen hat, dem vergeht der Appetit auf Kalbfleisch umgehend.

ÖVP nicht konsequent

Die ÖVP windet sich. Zu sehr auf den Tisch hauen geht nicht, sonst rebelliert die Agrarlobby innerhalb der Partei. So will man halt die Wogen glätten und bietet irgendwas an, damit sich die öffentliche Diskussion möglichst bald wieder beruhigen möge.
Landeshauptmann Markus Wallner (52, ÖVP) sieht eine mögliche Anstrengung darin, “den Absatz von Kalbfleisch in Vorarlberg zu erhöhen”. Damit zäumt er das Pferd von hinten auf, denn männliche Kälber sind Ausschussware der hochgezüchteten Milchwirtschaft. Eine gute Idee wäre es, die Anzahl der Kälber in Vorarlberg zu hinterfragen, und damit auch den eigenen Fleischkonsum: Qualität statt Masse. Weltweit findet ein Umdenken statt: Fleischersatzprodukte werden populär, nicht nur wegen des Tierleids.
Während bislang rund zehn bis 15 Prozent der Treibhausgase dem Konto der Landwirtschaft angelastet wurden, lassen jüngste Untersuchungen aus den USA einen weit höheren Wert vermuten. Nobelpreisträger Steven Chu fasst es eindrucksvoll zusammen: Die weltweite Vieh- und Milchwirtschaft verursacht mehr Treibhausgase als die EU-Länder insgesamt.

Im Kälbertransportskandal zeigen die Behörden mit dem Finger aufeinander. So hielt die Vorarlberger Veterinärbehörde fest, sie sei nicht eingebunden gewesen – Salzburg war zuständig, weil das fragliche Kalb über Bergheim nach Spanien kam. Man verurteile diese Verbringung in den Libanon und die Art der dortigen nicht tierschutzgerechten Behandlung der Tiere auf das Schärfste. Nur dem Vorarlberger Kalb selbst nutzt all das Tamtam wenig. Es wurde fernab jeder Behördenzuständigkeit brutal umgebracht.

Task-Force als Farce

Und bevor die Aussendungsschreiber im Büro von Landesrat Gantner wieder in die Tasten hauen: Nein, die bisher eingeleiteten Maßnahmen reichen überhaupt nicht aus, um die Situation nachhaltig zu verbessern. Nein, die einberufene Task-Force ist kein Erfolg, mehr eine Farce-Force. Nein, eine Steigerung des Kalbfleischabsatzes in Vorarlberg löst das Problem nicht.
Die Gesellschaft hat in dieser Frage schon umgedacht. Jetzt müssen wir hoffen, dass die Politik das auch noch irgendwann entdeckt.

Gerold Riedmann ist Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten.