Auswanderin erzählt: Südafrika, mon amour

Vorarlberg / 27.02.2020 • 09:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Auswanderin erzählt: Südafrika, mon amour
Die nach Südafrika ausgewanderte Dornbirnerin Ingrid Kennedy hatte keine Berührungsängste mit Menschen anderer Hautfarbe.

Aus Liebe wanderte Ingrid Kennedy 1964 nach Südafrika aus. Sie blieb 38 Jahre in ihrer Wahlheimat. Dann kehrte sie nach Vorarlberg zurück.

Dornbirn „Never“, antwortet Ingrid Kennedy (90) auf die Frage, ob sie die Auswanderung nach Südafrika im Jahre 1964 bereut hat. Die Dornbirnerin würde es wieder so machen. Denn: „Man bekommt einen weiten Horizont. Man wird offener und großzügiger.“ Ingrid ging der Liebe wegen nach Afrika. An ihrem Arbeitsplatz in der Schweiz lernte die damals 33-Jährige ihre Lebensliebe kennen, einen Vermessungsingenieur aus Südafrika. „Donald war Prokurist in der Firma.“ Weil ihn ein Unternehmen in Südafrika unbedingt haben wollte, ging Donald zurück in seine Heimat.  „Ich ging mit Don mit, weil ich dachte, dass wir nach drei Jahren wieder zurückkommen. Zuvor haben wir aber noch geheiratet.“ Aus den vermeintlichen drei wurden 38 Jahre.

Ein Bild aus der Vergangenheit: Ingrid Kennedy mit ihrem Mann Donald und ihren Zwillingstöchtern Lyn und Dion.
Ein Bild aus der Vergangenheit: Ingrid Kennedy mit ihrem Mann Donald und ihren Zwillingstöchtern Lyn und Dion.

Ingrid konnte kein Wort Englisch, als sie in der Millionenmetropole Johannesburg, der größten Stadt Südafrikas, ankam. „Ich lernte ein paar Monate lang an der Uni Englisch. Das meiste lernte ich aber aus Tageszeitungen“, erzählt sie, wie sie sich die fremde Sprache aneignete. Das Ehepaar lebte in einem schönen Vorort von Johannesburg in einem Haus mit großem Garten.

Rassentrennung befremdete die Auswanderin

Die Rassentrennung empfand die Vorarlbergerin anfangs als befremdlich, später als normal. „Es gab Busse für Weiße und für Schwarze. Auch in den Restaurants hatten die Schwarzen eigene Bereiche“, erinnert sie sich. Und: „Zu sehen, dass die Schwarzen den weißen Arbeitern die Werkzeuge hielten, irritierte mich anfangs.“ Sie selbst beschäftigte jahrelang eine nicht weiße Haushälterin. „Sie hat mir geputzt, die Wäsche gemacht und auf die Hunde und Katzen geschaut.“ Als die Apartheid 1994 abgeschafft wurde, sei sie, Ingrid, eine der ersten gewesen, die in ein Taxi einstieg, das von einem Nicht-Weißen gelenkt wurde, erzählt sie.

Die Kluft zwischen Arm und Reich war sehr groß im Land der Apartheid. „Bei uns wurde ein paar Mal eingebrochen. Die Einbrecher klauten alles, was nicht niet- und nagelfest war: Teppiche, Radio, Fernseher, Rasenmäher und das Obst auf unseren Bäumen.“

Die ersten drei Monate verbrachten Ingrids Zwillinge bei Schwester Gignion.
Die ersten drei Monate verbrachten Ingrids Zwillinge bei Schwester Gignion.

Die Zeit in Südafrika hat die 90-jährige dennoch in bester Erinnerung. Denn dort wurde sie Mutter von Zwillingsmädchen. „Sie kamen im siebten Monat zur Welt und mussten sofort in den Brutkasten. Drei Monate sah ich sie nur durchs Glas. Ich konnte sie nicht einmal berühren. Das war ein Martyrium für mich.“ Aber als sie sie endlich in ihren Armen halten konnte, war das Mutterglück perfekt. „Ich war eine gute und liebe Mutter.“

Das Skifahren vermisst

Ingrid konnte bei den Kindern bleiben und musste nicht arbeiten gehen. Ihr Mann war in einer gehobenen Position. Durch ihn lernte sie einflussreiche Menschen kennen. „In Vorarlberg wäre ich mit solchen Menschen nicht zusammengekommen.“ Die Direktorengattin gab Tea- und Barbecue-Partys. „Es kamen bis zu 30 Gäste.“ Aber auch die Kennedys wurden zu großen Partys eingeladen. „Ich hatte ein schönes Leben und habe viel erlebt, mir ging in Südafrika nichts ab. Nur das Skifahren habe ich vermisst“, resümiert die 90-Jährige, die so damenhaft aussieht, als ob sie einer Rosamunde-Pilcher-Verfilmung entsprungen wäre. Ihren mehrwöchigen Urlaub verbrachte die Familie Kennedy meistens in Kapstadt oder in Durban, einer Großstadt am indischen Ozean, die aufgrund der Strände ein vielbesuchtes Urlaubszentrum des Landes ist. Die Auswanderin besuchte mit ihrem Nachbarn auch gerne Pferde- und Autorennen.

“38 Jahre war ich weg von Vorarlberg. Als ich zurückkam, war es so, als ob ich keine Stunde fort gewesen wäre.”

Ingrid Kennedy, Auswanderin

1988 traf sie aber ein schwerer Schicksalsschlag. Ihr Mann Don erlitt einen Herzinfarkt, den er nicht überlebte. Nach seinem Tod verkaufte die Witwe das Haus und zog in eine Wohnung. „Die Sekretärin meines Mannes nahm sich meiner an und machte mit mir ein paar Reisen.“ Dennoch fühlte sie sich in ihrer Wahlheimat jetzt allein, zumal ihre erwachsenen Kinder inzwischen eigene Wege gingen. „Deshalb wollte ich heim nach Dornbirn.“ Im Jahr 2001 kehrte die Auswanderin nach Vorarlberg zurück. „Es war, als ob ich nicht eine Stunde fort gewesen wäre.“ Ingrid, die im November ihren 90. Geburtstag im Kreis ihrer Töchter und Neffen und Nichten feierte, möchte aber nicht hier begraben werden.  „Ich will kein Grab in Dornbirn. Ich möchte, dass meine Töchter die Urne mit der Asche nach Südafrika bringen. Ich will dort sein, wo mein Mann Don ist.“  

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