Wie Sie sich vor Fake News in Zeiten des Coronavirus schützen

Vorarlberg / 27.03.2020 • 19:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Wie Sie sich vor Fake News in Zeiten des Coronavirus schützen
REUTERS

Falschmeldungen und Halbwahrheiten zur Coronakrise verbreiten sich derzeit so schnell wie das Virus selbst. Wie man sich schützen kann.

FeldkircH, Wien Sie sind gefährlich und haben gerade derzeit in der Coronakrise Hochkonjunktur. Die Rede ist von Fake News: Halbwahrheiten, Gerüchte, Verschwörungstheorien, verkürzte Nachrichten, die sich über soziale Medien verbreiten und verselbstständigen. So solle man etwa heißes Wasser trinken oder Ingwer auf leeren Magen essen, um das Coronavirus abzuwehren oder gar einen Heilungsprozess im Falle einer Covid-19-Erkrankung in Gang zu setzen. Ibuprofen mache die Symptome schlimmer. Oder es ist von aufgeschnittenen Zwiebeln die Rede, die das Virus „aufsaugen“ sollen, wenn man sie in der Wohnung verteilt. Solche Anweisungen zur Selbstbehandlung, die auf WhatsApp und Facebook herumgeistern und unreflektiert geteilt werden, sind besonders gefährlich. WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus warnte bereits vor einigen Wochen: „Wir kämpfen nicht nur gegen eine Epidemie, sondern auch gegen eine Infodemie. Fake News verbreiten sich schneller und einfacher als dieses Virus, und sie sind genauso gefährlich.“

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Ingrid Brodnig ist Social-Media-Expertin und Journalistin. APA

Gefährliche Verharmlosung

Ein anders Beispiel dafür ist das Video des deutschen Mediziners Wolfgang Wodarg, das vor allem über WhatsApp verbreitet wird. Darin stellt er die Pandemie als Panikmache dar. „Die Gefahr ist nun, dass Bürger die aktuellen Gesundheitsauflagen nicht ernst nehmen“, betont Ingrid Brodnig. Die Journalistin und Social-Media-Expertin sammelt auf ihrem Blog Beispiele von Fake News. Im Fall von Wordarg rät sie: „Teilen Sie dieses Video nicht und wenn Sie es erhalten, verweisen Sie einerseits auf Berichte von Faktenchecker-Webseiten dazu. Betonen Sie andererseits, wie ernst offizielle Einrichtungen wie das Robert-Koch-Institut, die WHO und das Gesundheitsministerium die Lage sehen.“

Eine anerkannte Faktencheck-Plattform ist Mimikama.at, die Falschmeldungen sammelt, analysiert und mit zusätzlicher Hintergrundinformation veröffentlicht. Die WHO widmet dem Thema ebenfalls eine eigene Website, auch das Bundeskanzleramt hat vergangene Woche einen digitalen Krisenstab eingerichtet, der sich um die Richtigstellung und Bekämpfung von Fake News rund um das Coronavirus kümmern soll. 150 Fake News wurden in der vergangenen Woche identifiziert und als solche gekennzeichnet. 35 dieser Falschinformationen wurden über das Aufdecker-Netzwerk gemeldet, an dem rund 20 Vertreter der heimischen Medienlandschaft und weitere Experten teilnehmen, darunter auch Mimikama.at.

Kritisch bleiben

Grundsätzlich gilt: Es liegt an den Nutzern selbst, Falschmeldungen zu erkennen und im Falle von WhatsApp die Absender darüber aufzuklären. Jeder muss selbst prüfen, wie viel Wahrheit hinter einer Information steckt. Wichtig ist vor allem, sich die Zeit zu nehmen und zu überlegen, was sich hinter einer Nachricht verbergen könnte. Mimikama rät dazu, sich folgende Fragen zu stellen: Aus welcher Quelle stammt die Information? Wer ist der Autor? Gibt es auf Blogs und Webseiten ein Impressum? Welche Informationen gibt es auf anderen, offiziellen Seiten zu diesem Thema? Die wohl wichtigste Regel im Umgang mit Fake News: Seien Sie kritisch.

3 Faktenchecks mit Ingrid Brodnig

Unter der E-Mail-Adresse coronavirus@brodnig.org sammelt die Journalistin und Social-Media-Expertin Ingrid Brodnig Beispiele von Fake News, unbelegten Behauptungen und deren Entkräftung. Drei aktuelle Falschnachrichten, die Brodnig erklärt:

VERGLEICH MIT GRIPPETOTEN: Eines der größten Probleme ist laut Brodnig das Herunterspielen der bisherigen Coronatoten durch Vergleiche mit Grippetoten. Zahlreiche dementsprechende Artikel oder Videos vergleichen bisherige Zahlen jedoch mit den Zahlen von Grippetoten pro Jahr, während das Coronavirus erst seit kurzer Zeit in Europa Todesfälle verursacht. Auch würden laut Brodnig oft Zahlen aus Jahren herangezogen, in denen besonders viele Grippetote zu beklagen waren. “Die große Angst rund um das Coronavirus ist aber nicht, wie viele jetzt schon gestorben sind, sondern wie viele Menschen sterben könnten, wenn das Gesundheitssystem überlastet ist”, so Brodnig. Ein Interview mit dem in der Impfkritikerszene beliebten Arzt Claus Köhnlein erreichte bereits über 700.000 Aufrufe auf YouTube, ursprünglich wurde es von “RT” (vormals “Russia Today”) verbreitet.

DEUTSCHE REGIERUNG WEISS SCHON SEIT JAHREN VOM VIRUS: Seit Wochen kursiert auch die Behauptung, die deutsche Regierung habe bereits 2012 vom Coronavirus gewusst und einen Geheimplan erstellt. Fakt ist, dass tatsächlich ein mögliches Pandemieszenario durchgespielt wurde, allerdings mit einem fiktiven Virus (Faktencheck unter https://correctiv.org).

KETTENBRIEFE ÜBER FALSCHE MITARBEITER DES GESUNDHEITSAMTS: “Hallo ihr Lieben, von einer Freundin von mir vom KH verschickt, bei uns kommt gerade eine Meldung rein, dass Leute von Haus zu Haus gehen und sich als Leute vom Gesundheitsamt ausgeben. Sie sind ausgerüstet mit Mundschutz, Schutzanzug usw. (sieht ziemlich echt aus) und wollen die Menschen testen und in deren Wohnung gelangen. Diese Leute sind NICHT vom Gesundheitsamt. Es sind Betrüger, die sich die momentane Verunsicherung und Angst der Menschen zunutze machen. Bitte aufpassen und die anderen bitte informieren.” Laut Brodnig hat die mittlerweile weitverbreitete Nachricht zwar einen wahren Kern, sei dann aber sehr weit gereist. “Tatsächlich gab es in deutschen Gemeinden solche Warnungen der Polizei, aber diese WhatsApp-Meldung verbreitete sich dann rasant über viele Orte hinweg, womöglich auch an Orte, wo keine solchen Betrüger unterwegs waren”, so Brodnig.

Linkstipps

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  • Spezialisierte Fact-Checking-Seiten:

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