Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

Allein zuhaus in Europa

Vorarlberg / 29.03.2020 • 19:45 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

“Gelebte europäische Solidarität”, jubelte die Staatskanzlei des deutschen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen am Wochenende. Seit 6 Uhr früh fliege die Luftwaffe Corona-Patienten von Bergamo nach Köln, mit dem Airbus MedEvac, der fliegenden Intensivstation der Deutschen. In der abgelaufenen Woche besannen sich einige europäische Staaten darauf, dass es Zeiten gab, in denen wir die Grenzen eigentlich in den Hintergrund treten lassen wollten. Erste französische Patienten wurden in Baden-Württemberg behandelt, auch Vorarlberg nahm drei italienische Covid-Patienten auf. Das allerdings ist kein europäisches Solidaritätsprogramm, sondern eine direkte Abmachung zwischen den Staaten, die Freundschaftsaktion zwischen Südtirol und Vorarlberg lief zwischen den Landeshauptleuten Kompatscher und Wallner.

Drei Wochen später

Drei Wochen verstörender Berichte über die zusammengebrochene medizinische Versorgung der Lombardei braucht es also, bis die “europäischen Freunde” reagieren. Direkt vereinbart, in Brüssel selbst ist es “merkwürdig still”, wie es der bayerische Ministerpräsident Markus Söder ausdrückte und damit Unionskollegin Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen scharf kritisierte.

Drei Stunden entfernt

Klar, wir in Österreich und in Deutschland sind viel besser vorbereitet. Wir rühmen uns lieber nur in guten Zeiten, dass das Tessin zwei Stunden, Bergamo dreieinhalb Autostunden von Vorarlberg entfernt liegt. München sei die nördlichste Stadt Italiens, sagen die Bayern gern, wenn sie mit Heizstrahler im Biergarten sitzen. In Corona-Zeiten wird das anders bewertet, schon klar.

Drei Dinge, die alle brauchen

Jeder Staat in Europa benötigt derzeit drei Dinge: Beatmungsmaschinen, Schutzkleidung, Schutzmasken. Durch Medienberichte in den verschiedenen Ländern wird klar, wie das läuft. Da bittet ein deutscher Landrat den chinesischen Staatschef Xi Jinping um Hilfe, ein kleines europäisches Land wie Österreich versucht die südkoreanische Strategie zu dechiffrieren. Staatschefs telefonieren mit CEO von Pharmafirmen. Der Chef des Medizinprodukteherstellers Dräger offenbarte dem „Spiegel“, neben dem niederländischen König habe gerade auch der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz angerufen, wollte 1000 Beatmungsmaschinen. Man könne aber nur 50 liefern.

Schon in Österreich bunkert jedes Bundesland separat seine Masken, wie soll sich da über Staatsgrenzen hinweg etwas entwickeln. Die Wahrheit ist: Wir bekämpfen alle einzeln die Corona-Krise, wundern uns über die laxen Maßnahmen der Schweden und hoffen, dass es uns weniger hart trifft als die Italiener oder Spanier. Das Medikament zur Heilung von Corona werden wir im Herbst dann aus den USA importieren.

Man muss das so sagen: Wenn es ernst wird, schauen wir auf uns selbst.

Hauptzweck der Europäischen Union ist nicht, dass die jüngere Generation ein Gastsemester an der Sorbonne im Lebenslauf stehen hat. Dass es mit europäischer Koordination und Solidarität im Krisenfall nicht weit her ist, zeigt sich nun erneut dramatisch. Zum zweiten Mal nach der Flüchtlingskrise übrigens.

Gerold Riedmann ist Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten.