Vorarlbergerin in Schweden: Hier setzt man auf Eigenverantwortung

Vorarlberg / 09.04.2020 • 12:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die junge St. Gerolderin Anna Burtscher genießt die herrliche Natur in Schweden.
Die junge St. Gerolderin Anna Burtscher genießt die herrliche Natur in Schweden.

Anna Burtscher über den Umgang der Schweden mit der Coronavirus-Pandemie. Die junge St. Gerolderin lebt und arbeitet derzeit in Gävle.

St. Gerold, Gävle “Man merkt nicht viel von einer Coronakrise. Noch ist alles sehr entspannt. Nur vereinzelt sieht man auf den Straßen Menschen, die eine Maske tragen”, berichtet Anna Burtscher. Die 20-jährige Großwalsertalerin lebt derzeit in Gävle, einer Stadt in Schweden, die 75.000 Einwohner zählt und etwas nördlich von Stockholm liegt. Die ausgebildete Kindergartenpädagogin absolviert dort ein freiwilliges Sozialjahr. Sie arbeitet seit Jänner in einem Jugendzentrum, das täglich bis zu hundert Kinder besuchen.

“Die schwedische Regierung setzt auf die Eigenverantwortung der Bürger.”

Anna Burtscher, Kindergartenpädagogin

Anna findet es interessant zu beobachten, wie Schweden mit der Coronavirus-Pandemie umgeht. “Die Regierung setzt auf die Eigenverantwortung der Bürger und Institutionen. Von ,oben’ wurde nur wenig verordnet. Unter anderem dürfen sich jetzt nur mehr höchstens 50 Menschen versammeln.” Kindergärten und Schulen seien nach wie vor geöffnet. “Seit drei Wochen allerdings findet für Jugendliche und Studenten der Unterricht zuhause statt.” Aufgefallen ist ihr auch, dass Handelsgeschäfte jetzt weniger lang geöffnet haben. Die Schweden könnten aber nach wie vor in Restaurants und Cafés gehen. “Es ist zwar nicht mehr so viel los wie früher, aber immer noch genug.” Sie führt das darauf zurück, “dass die Kaffeepause in Schweden ein wichtiges Kulturgut ist”. Nach wie vor möglich seien auch Besuche in den Altersheimen.

Der unsichtbare Feind

An ihrem Arbeitsplatz im Jugendzentrum merkt sie aber, dass das Coronavirus grassiert. “Viele Eltern erlauben es den Kindern nicht mehr, zu uns zu kommen.” Sollten in den nächsten Tagen noch welche kommen, will Anna mit ihnen Schutzmasken anfertigen, ein Tribut an den unsichtbaren Feind. Das Virus verschont auch Schweden nicht. Das 10-Millionen-Einwohner-Land verzeichnet mittlerweile auch schon mehr als 7200 Infizierte. Knapp 500 Menschen verloren den Kampf gegen das heimtückische Virus. Sollte die Zahl der Erkrankten rapide in die Höhe schnellen, wird auch ihr Gastland das System drastisch herunterfahren, vermutet die 20-Jährige. “Ich glaube aber nicht, dass es so weit kommt. Denn die Maßnahmen, die die Bürger selber setzen, sind gut.” Noch jedenfalls fühlt sich die St. Gerolderin “richtig sicher” in Schweden.

Das Land, die Kultur, die Sprache und die Architektur gefallen ihr außerordentlich gut. Kurzum: “Ich finde es hier super.” Sie bereut es keine Sekunde, dass sie nach Skandinavien gekommen ist. “Ich wollte mich sozial engagieren, bevor ich in den Beruf einsteige. Ich finde das schwedische Sozialsystem interessant. Auch das Kindergartensystem hat einen guten Ruf”, erklärt sie, warum es sie in dieses nordische Land verschlug.

Noch mehr Verständnis für Kinder

Anna ist ein Mensch, der anderen gerne hilft. “Ich glaube, ich habe das Helfersyndrom.” Das machte sich bei ihr schon als Kind bemerkbar. “Ich habe jedes Tier zu retten versucht.” Heute, im Erwachsenenalter, ist sie Veganerin und Tierschutzaktivistin. “Ich engagiere mich für den Verein gegen Tierfabriken.”

Hilfe brauchen auch die Kinder, die ins Jugendzentrum in Gävle kommen. “Viele stammen aus Problem- und Flüchtlingsfamilien. Genau diese Kinder brauchen uns. Viele bringen Ballast mit, wodurch sich ihr Verhalten erklärt.” Anna hat mit den Kids ambivalente Erfahrungen gemacht. “Schön ist es, wenn sie zur Tür hereinkommen und dich umarmen.” Aber es gebe auch welche, die gegenüber den Betreuern respektlos wären. Die Arbeit, die sie in Gävle verrichtet, hält sie für sehr wichtig. “Wir sind für die Kinder da und zeigen ihnen, dass sie sich auf Menschen verlassen können. Das kann entscheidend dafür sein, dass sie den richtigen Weg einschlagen.” So viel ist gewiss: Anna, die angehende Kindergartenpädagogin, wird mit einem größeren Verständnis für Kinder nach Hause kommen. 

Anna Burtscher

geboren 18. Jänner 2000 in St. Gerold

Wohnort St. Gerold

Ausbildung Kindergartenpädagogin

Familie ledig

Hobbys Joggen, Natur

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